Köln

Was ist die kölsche Seele? Eine Mischung zwischen Thomas Liessein, Maria im Kapital, Kardinal Frings und „Bloodwoosch“, behaupten Spötter. Weniger angefochten besingen eingeborene Zungen Frohsinn und Lebensfreude als Grundzüge ihrer Seele. Heimatforscher haben dicke und liebevolle Bücher über die Eigenarten geschrieben, die sich sonst noch in den kölschen Seelenfalten verbergen. Bezeugt haben es auch Olympier, die vom Hauch der kölschen Seele angeweht, wurden, angefangen von Petrarca („Wäre das Herz nicht schon gebunden, hier hätte es in Liebe entbrennen können“), über Delacroix, Goethe, Victor Hugo und Nietzsche: An der kölschen Seele ist nicht zu rütteln.

Jetzt ist jedoch in Köln ein großes Zweifeln ausgebrochen. Ist uns unsere Seele verloren gegangen? fragten sich die alten Bürger der Rheinmetropole betroffen und begannen, bangen Herzens Inventur zu machen. Andere stellten kurz und verbittert fest: Sie ist bereits gestorben. Ausgelöst wurde die Diskussion durch ein Wort des Kölner Oberbürgermeisters Theo Burauen. Bei der Einweihung eines Kölner Geschäftshauses sagte er: „Das Eigenleben dieser Stadt ist gefährdet, wenn sie zu einem Millionen-Mammut wird.“ Und eine Agentur verbreitete daraufhin, der Stadtvater bangte um die Kölner Seele. Das Stichwort war gegeben und die Bürger Kölns gingen auf die Suche.

Die Kölner sind sich darin einig, daß es schwer ist, die Seele wiederzufinden, in einer Stadt, die mittlerweile der Millionengrenze entgegenschwillt. Zur Zeit hat Köln etwa 830 000 Einwohner. Wie viel „echte“ Kölner noch darunter sind, wagt besonders dann keiner mehr zu sagen, wenn er die Definition des Kölner Sprachforschers Adam Wrede wörtlich nimmt: „Ne Kölsche ist in erster Linie, wer von kölschen Eltern abstammt, in Köln aufgewachsen ist, eine Kölner Pfarr- und Volksschule besucht hat und seine Lotterbovezick mehr op der Stroß... als in enger Stube verbracht hat, in diesen wichtigen Jahren die kölsche Sprache und Eigemrt in vollen Zügen in sich aufnahm und später je nach Ausbildung und Beruf weiter ausbaute. Am besten spiegelt der Kölner sich wider in seiner Muttersprache, in seiner Art zu leben, zu arbeiten und Geld zu verdienen ...“

Und das ist der wunde Punkt; abgesehen von „Mammutgebilde“ und „Millionen-Einwohnerschaft“: Die Art, nicht weiter zu denken und zu arbeiten als für vierundzwanzig Stunden im voraus war eine der hervorstechendsten Eigenschaften der kölschen Seele. In keiner Stadt waren die Trümmer so lange und ausführlich zu besichtigen wie in Köln. Die Geschäftshäuser der berühmten Hohen Straße bestanden bis vor nicht allzu langer Zeit aus Behelfsbuden. Sie stehen heute noch auf dem historischen Eigelstein. Man hatte es nicht so eilig damit. „Alles kritt nen Üvverjang“, ist ein bewährtes kölsches Sprichwort. Wer freilich daraus den Schluß zieht, die Kölner seien schlichtweg faul, der hat von dieser Stadt keine Ahnung. Die Kölner arbeiten genauso wie andere Leute, sie lassen sich nur nicht von der Arbeit auffressen. Was sie auszeichnet, ist Gelassenheit.

Die Gemütlichkeit war zu Ende, als die Flüchtlinge kamen. Kaum waren sie da, begannen die Sachsen, Schlesier oder Ostpreußen sich hurtig an die Arbeit zu machen. Mißtrauisch beobachteten die Kölner die agilen Neubürger, die sich nicht mit dem, was sie hatten, zufrieden gaben, sondern mehr wollten. Die Verachtung dieses Strebertums schwingt leise mit in dem Disput um die verlorene Seele, obwohl die Stadtväter nicht müde werden, die Assimilationsgabe der Stadt zu rühmen. Die Kölner verkraften ihre „Imis“ jedoch bei weitem nicht so gut wie die Bayern ihre „Saupreußen“.

Um die Seelenpflege besorgt, fragte der „Kölner Stadtanzeiger“ den Soziologie-Professor René König: „Wird die kölsche Seele durch das Wachstum der Stadt bedroht?“ Der Professor lachte: „Eine notwendige Entwicklung läßt sich nicht bremsen.“ Und zur Seelenstärkung riet er: „Man muß das Leben der Gemeinde mit dem Streben der Bürger erfüllen, wie es in Amerika geschieht. Da kann es geschehen, daß zehn Minuten nach dem Einzug ein Nachbar klingelt und fragt, ob man sich nicht einem Komitee anschließen möchte, das beispielsweise den Bau einer Badeanstalt erreichen möchte.“