Mit bereinigten Aktienmärkten ins neue Börsenjahr

Von Kurt Wendt

Der Rückblick auf die Börsenentwicklung des Jahres 1962 ist für die Besitzer deutscher Aktien unerfreulich. In keinem Jahr nach der Währungsreform hat es so viele Enttäuschungen gegeben wie 1962. Tröstlich waren allein die letzten Monate – seit Ende Oktober. Geht man von der Jahresabschlußbörse 1961 aus, so waren bis zum 12. Oktober 1962 die Kurse deutscher Aktien durchschnittlich um rund 40% gesunken. Dieser Verlust hat sich bis zum Jahresschluß auf etwa 25% vermindert. Immerhin bleibt die betrübliche Feststellung, daß sich der Kurswert jedes Aktienportefeuilles – wenn es nicht in den letzten 12 Monaten verändert worden ist – durch die Aktienbaisse um rund ein Viertel verringert hat.

Ähnliche Verluste ergaben sich auch an der Wiener und Züricher Börse. In New York waren die Einbußen dagegen nur halb so groß. Für diedeutschen Aktionäre besonders schmerzlich ist die Tatsache, daß sie auch schon im Jahre 1961, auf ihre Aktienportefeuilles "abschreiben" mußten, zu einer Zeit, als es an den übrigen Börsenplätzen noch aufwärts ging. Rechnet man den statistischen Vorjahresverlust von rund 6% zu den Einbußen des Jahres 1962 hinzu, dann rangiert die deutsche Börse einwandfrei an der Spitze der Verlustliste.

Da in den Jahren 1961 und 1962 die französischen Aktien noch um fast 30% gestiegen sind, zeigt sich, daß die Börsenschwäche in vielen Ländern Westeuropas und in den USA weder eindeutig mit dem sogenannten "politischen Risiko" noch mit der allgemeinen Konjunkturabkühlung erklärbar ist. Wahr ist vielmehr, daß wieder einmal diverse Faktoren, die sich in ihrer Wirkung teilweise gegeneinander aufhoben, Einfluß auf die Börsenentwicklung hatten. Daß in dieser Beziehung die weltpolitischen Ereignisse zeitweise eine ausschlaggebende Rolle gespielt haben, kann nicht abgestritten werden. Wenn wir in diesem Zusammenhang an den Kuba-Konflikt denken, dann würde uns aber auch vor Augen geführt, daß "politische Börsenschwächen" relativ schnell vorübergehen, nämlich sobald sich Entspannungstendenzen bemerkbar machen. Nachhaltigen Einfluß auf die Börsenentwicklung hat dagegen die wirtschaftliche Situation eines Landes im allgemeinen sowie die der Aktiengesellschaften im besonderen. Wer deshalb den Versuch machen will, einen Blick in die Zukunft der Börsenentwicklung zu werfen, darf sich nicht lange im politischen Bereich aufhalten, sondern muß sich eingehend mit den wirtschaftlichen Gegebenheiten befassen.

Verlöschender Glanz

Schon im vergangenen Jahr wurde deutlich, daß bei den Aktiengesellschaften die Rekordbilanzen des Jahres 1960 auf einsamer Höhe bleiben würden. Es brauchte nicht erst die DM-Aufwertung zu kommen, um zu erkennen, daß die Gewinnsituation der Unternehmen mehr und mehr von ihrem Glanz einbüßen würde. Der wachsende internationale Wettbewerb, der sich für die deutsche Industrie noch durch die vorjährige DM-Aufwertung verschärfte, der härtere Konkurrenzkampf durch die neuen Kapazitäten auf dem Inlandsmarkt, der zunehmende Importhandel sowie die ständigen Lohnerhöhungen zehrten kräftig an den unternehmerischen Gewinnen. Die Selbstfinanzierungsmöglichkeiten der Industrie wurden eingeengt – und damit auch das, was die Börse "Wachstumschancen" nennt.