W. K., München

Ein Bayer muß einen Bauch, einen Stock und einen Dackel haben. Außerdem muß er einige Maß’ vertragen können. Daß diese Maß’ vollwertiges Bier enthalten müssen, ist selbstverständlich.

Wiewohl Alfons Goppel, der neue bayerische Ministerpräsident, über keines dieser hier aufgezählten Attribute verfügt, erwies er sich dennoch diesertags als ein echter Bayer, Verachtungsvoll wies er eine Batterie von 5000 Flaschen „Malznährtrunk“ zurück, die ihm eine Aktionsgemeinschaft der Nährtrunkhändler als Weihnachtsgeschenk für Altersheime überreichen wollte. Denn Malznährtrunk gilt in den Augen eines Bayern als so etwas wie eine dünnflüssige Limonade.

Um diesen Malznährtrunk ist überdies südlich der Main-Linie seit gut zehn Jahren ein heftiger Krieg entbrannt Er begann nach der Währungsreform, als die bayerischen Brauer statt des Dünnbieres wieder vollwertiges Bier herstellen konnten. Das trinkfeste Bayern – rund 170 Liter pro Kopf der Bevölkerung – übte damals naturgemäß eine besondere Anziehungskraft auch auf außerbayerische Brauereien aus. Den harten Konkurrenzkampf witternd, versuchten deshalb die bayerischen Brauer ihren Markt durch Berufung auf das bayerische Reinheitsgebot abzusichern. Plakate erinnerten an eine Verordnung Herzog Wilhelms IV. aus dem Jahre 1516, wonach zu „Bier allein Gersten, Hopfen und Wasser genommen“ werden’sollen. Dieses Reinheitsgebot blieb in Bayern bis zum heutigen Tage erhalten.

Als der Freistaat Bayern 1919 in die Biersteuergemeinschaft des Reiches aufgenommen wurde, fügte man in das Eintrittsgesetz den sogenannten „bayerischen Vorbehalt“ zugunsten des Reinheitsgebotes ein. Dieser Vorbehalt wurde später – zuletzt 1952 – in den bayerischen Biersteuergesetzen sanktioniert. Jeder Zuckerzusatz war danach verboten.

Die außerbayerischen Brauereien kümmerten sich indes um dieses Herstellungsgebot nur wenig, zumal da seit 1927 kein ausdrückliches Vertriebsverbot mehr bestand. Bis zu jenem Zeitpunkt war durch den Paragraphen 367 des Strafgesetzbuches der Vertrieb von „verfälschten Getränken“ pauschal verboten, während das damals nachfolgende Lebensmittelgesetz ein Verkehrsverbot nur für jene Fälle vorsah, in denen dies ausdrücklich festgelegt war. So kam es, daß in Bayern „verfälschtes Bier“ nicht hergestellt, wohl aber vertrieben werden darf.

Nach dem Kriege versuchten die bayerischen Brauer diesen „Widersinn“ durch Gerichtsentscheide aus der Welt zu schaffen. Durch Musterprozesse, die der Bayerische Brauerbund gegen Süßbierhändler anstrengte, sollte die „Gesetzeslücke“ geschlossen werden. Aber die Gerichte waren sich nicht einig. So verbot das Landgericht Würzburg im September 1954 einer Münchener Brauerei die Behauptung, daß der Vertrieb von Nährbier in Bayern verboten sei und bestraft werde. Das Amtsgericht Münchberg dagegen verurteilte im Oktober des gleichen Jahres einen Bierverleger, der gesüßtes „obergäriges“ Bier vertrieben hatte, zu 100 Mark Geldstrafe, ersatzweise zehn Tage Haft.