Nach Johannes XXIII. wird die Welt anders aussehen

Von Josef Müller-Marein

In St. Germain-des-Prés, der ältesten Kirche von Paris, hielt in den Messen des vorletzten Sonntags ein chilenischer Bischof kurze Ansprachen, der vom Vatikanischen Konzil in seine Heimat zurückreiste. Die Menschen seiner Diözöse waren am stärksten von jenem Erdbeben und Unwetter heimgesucht worden, das vor wenigen Jahren das Mitleid der ganzen Welt hervorgerufen hat. Seine Kathedrale liegt noch heute in Trümmern. Doch der Bischof sprach von weitaus größeren Sorgen. Er hatte auf seinen Reisen Dörfer besucht, in denen es zwar Kirchen oder Betsäle, aber keine Pfarrer gibt. Er traf Pfarreien an, die sozusagen nur auf dem Papier existierten. Ein Drittel der Zahl der Gemeindemitglieder war noch nicht getauft. Auf unwegsamen Pfaden reitet ein Pfarrer von Dorf zu Dorf. Ist er noch jung, und läßt sein Pferd ihn nicht im Stich, so kehrt er alle Vierteljahre in jedem seiner Dörfer ein. In jener abgelegenen Pfarrei aber, von der besonders die Rede war, will es das Unglück, daß der Pfarrer alt ist. Er kann sich „nur“ um sechs oder acht Gemeinden im Umkreis seines Kirchspiels kümmern. In dieser abgelegenen Gegend sah der Bischof Erwachsene – Männer und Frauen von dreißig Jahren –, die bisher nicht Gelegenheit hatten, die Kommunion zu feiern.

Um die kleinen Dinge

Und dabei gibt es keinen einzigen Heiden in seiner chilenischen Diözöse. Alle sind Christen. „Ehe nicht jeder die Möglichkeit hat, das Neue Testament zu lesen und seinen Pfarrer wenigstens einmal im Monat zu sehen, werde ich meine Kathedrale nicht wieder aufbauen“, sagte der Bischof und fügte hinzu: „Darin stimmt der Heilige Vater völlig mit mir überein.“

Nun wissen wir also, warum in den Weihnachtstagen besondere Opferspenden in den katholischen Kirchen für Südamerika zusammengetragen wurden, wobei schon feststeht, wie die Millionenbeträge ausgegeben werden sollen: Tragt das Wort Christi zu den Christen ins letzte Dorf! Sendet Priester vor allem in die Gemeinden der Einsamen und Armen! Solange dies nicht geschafft ist, mag die Kathedrale in Trümmern liegen ...

Dieses Beispiel wirft ein Licht auf die Tendenzen, die schon im ersten Abschnitt des Vatikanischen Konzils zu Tage traten. Das Exempel ist aber auch geeignet, den Papst selber zu charakterisieren: Obwohl er ein Mann der Wissenschaft ist – einer der großen Historiker der Kirche –, ermahnt er seine Mitarbeiter ständig, die Praxis nicht aus den Augen zu verlieren, die kleinen Dinge zu sehen, Neues von der Basis aus aufzubauen, Geduld zu haben, versöhnlich zu sein.