Vor einer Betrachtung des neu erschienenen, allerdings 1939 schon einmal in der gleichen Übersetzung veröffentlichten historischen. Romanes von Ranke Graves drängt es mich, an ein früheres Buch von ihm anzuknüpfen, das mir sein schönstes und bedeutendstes zu sein scheint und sowohl den Claudius- wie den vorliegenden Beiisar-Roman in den Schatten stellt, dabei aber – natürlich, und wie könnte es anders sein! – sich, soweit ich es übersehen kann, nur sehr geringer, viel zu geringer Beachtung seitens des deutschen Publikums erfreut – oder vielmehr: erfreut hat, denn nach einer Handvoll von Jahren besteht ja für ein schönes und großartiges Buch, das nicht gleich als Bestseller angefangen hat, keine Chance mehr. Es ist dies das Buch „Das goldene Vlies“ (deutsch im Holle-Verlag), welches die griechische Argonautensage zum Gegenstand hat – eine Sage, die Ranke Graves in seinem Nachwort mit Recht einen Balladenzyklus nennt und in der fast alle in der griechischen Mythologie vorkommenden Figuren zu einer großartigen, ungeheuer bunten Abenteurerhandlung verschmolzen sind. Diese Zusammenschmelzung eben greift der englische Dichter auf, um sie zu dem gewiß lebendigsten, packendsten, farbenfreudigsten Bilde zu gestalten, das es wohl überhaupt von einem Gegenstand der griechischen Mythologie in der Literatur gibt.

Soviel über „Das goldene Vlies“, während an den Roman „Ich Claudius, Kaiser und Gott“ nicht besonders erinnert zu werden braucht, da dieses Buch weite Verbreitung gefunden hat, während sich des Autors zweibändige Untersuchung „Griechische Mythologie“ (Rowohlts deutsche Enzyklopädie) nur als ein Nachschlagewerk ausweist, das die Reize des Erzählers Ranke Graves nicht erreicht. Sein alter und für uns wieder neuer Roman – gilt dem durchaus nicht legendären, sondern historisch existenten byzantinischen Feldherrn, der für den oströmischen Kaiser Justinian seine Schlachten im Orient, in Nordafrika und in Italien gegen Perser, Vandalen und Goten schlug und die Reihe der großen antiken Heerführer wie Alexander, Hannibal, Cäsar als ein Ebenbürtiger ergänzte, und dies nicht nur durch sein militärisches Können (und sein Glück), sondern auch durch die für die damalige wüste Zeit erstaunliche Lauterkeit und Humanität seines Charakters. Was übrigens sein Glück betraf, so war es damit, sosehr es ihn bei seinen Feldzügen überhäufte, am Ende seines Lebens äußerst traurig bestellt, auch wenn man die unbeglaubigte Version abzieht, er sei, in Ungnade gefallen, auf Befehl Justinians geblendet worden.

Diese Version läßt der Dichter sich nicht entgehen, wie er überhaupt aus diesem Leben ein rechtes Heldenleben macht, mit aller Schwarzweißmalerei, die dazu gehört. Wir brauchen nicht erst antike Quellen zu studieren, um überzeugt zu sein, daß hier viel erzählerische Färberei im Spiel ist. Der Gegenspieler Beiisars, Justinian, den die Historie als einen recht tüchtigen Kaiser kennt, tritt bei Ranke Graves als ein bloßer Schwachkopf und Bösewicht auf; der bedeutende Heerführer und Rivale Beiisars, Narses, der immerhin den Gotenkrieg um Italien zu einem endgültigen Abschluß brachte, kommt nicht viel besser weg. Allerdings darf man vermuten, daß das bösartige und widerwärtige Intrigenspiel von Byzanz, wie Ranke Graves es darstellt, der Wirklichkeit eher entspricht als das Bild, das die zünftigen Geschichtsschreiber entwarfen.

Die ganze Schilderung legt Ranke Graves einem Sklaven der Gattin Beiisars in die Feder, und diese Fiktion kommt seiner Begabung für jene antike Erzähltechnik gelegen, die eine unbefangen und munter sprudelnde Schwatzhaftigkeit und Klatschsucht mit Akribie in der Detailmalerei und einer wundervollen Ebenmäßigkeit im Erzählfluß vereinigt, wobei das Faktische in einem sehr schönen, angenehm zu lesenden Verhältnis zur Reflexion steht. Letztere ist mit soviel Zucht und Maß eingestreut, wie sie nun eben englischen Autoren liegt und gelingt und den deutschen fast nie.

Zu dieser Unbefangenheit auch in der Ausdrucksweise und Lesart von Eigennamen und Fachbegriffen, etwa militärischer Art, gehört es auch, daß der Dichter, der Anschaulichkeit halber, in alle. Ruhe gegenwärtige Bezeichnungen einführt, die man in antiker Atmosphäre eigentlich nicht vermutet, ohne damit der zeitgerechten Atmosphäre, die doch eine Stärke des Buches ist, Abbruch zu tun. Der Schluß, welcher die Geschichte von Beiisars Blendung aufgreift, streift hart ans Melodram.

Rothes Übersetzung ist ausgezeichnet; den Namen des Gotenkönigs „Teudel“ hätte er allerdings ruhig in Totila umändern können.

Martin Beheim-Schwarzbach