Ein historischer Rückblick aus aktuellem Anlaß (I)

Von Hans Gresmann

Am 15. Oktober 1894 wurde Alfred Dreyfus, Hauptmann im französischen Generalstab, unter dem Verdacht des Landesverrats verhaftet. Am 12. Juli 1906 wurde er wegen erwiesener Unschuld freigesprochen und zehn Tage darauf bei einer Militärparade zum Ritter der Ehrenlegion geschlagen. Diese beiden Daten begrenzen den äußeren Ablauf einer Affäre, die in ihrem Höhepunkt Frankreich bis an den Rand des Bürgerkriegs getrieben hat: die Affäre Dreyfus.

Was diese Affäre einzigartig machte, war ihre Zufälligkeit. Zufällig war sie in dem Sinne, daß der Hauptmann Dreyfus ihr Anlaß und Namen gab. Er selber, der korrekte, etwas einseitige jüdische Offizier von mittelmäßiger geistiger Begabung, war in dieser Affäre auswechselbar. Nicht auswechselbar waren die politischen und sozialen Hintergründe, nicht auswechselbar waren die Fronten und Prinzipien, die aufeinanderprallten, und nicht auswechselbar sind die Folgen dieser juristischen und politischen Feldschlacht, die Frankreich um die Jahrhundertwende erlebte. Alfred Dreyfus, die passive Hauptfigur des Dramas, hat, was sich lange vorbereitet hatte, nur ausgelöst: die große Auseinandersetzung zwischen Macht und Freiheit, jene Auseinandersetzung, die ein Land in zwei Lager zerriß und im Tiefsten aufwühlte, die die Massen aufpeitschte, die den Mut und die Leidenschaft ebenso weckte wie den Haß und die niedrigste Bösartigkeit. Dreyfus war der Funke, der ins Pulverfaß geriet. Die große Explosion, der man den abschwächenden Namen Affäre gab, war historisch zwangsläufig.

Der Vordergrund des Geschehens läßt sich in wenigen Sätzen schildern. Mitte Oktober 1894 wurde Dreyfus verhaftet. Verdacht und Anklage lauteten auf Landesverrat. Zwei Monate später verurteilte ihn ein Pariser Kriegsgericht zu lebenslänglicher Deportation. Er wurde degradiert und unverzüglich auf die Teufelsinsel unweit von Cayenne an der südamerikanischen Küste geschafft. Nach fünf Jahren – im Juni 1899 – hob der Kassationshof das Urteil auf und überwies den Fall zur neuen Verhandlung an das Kriegsgericht in Rennes. Über die Unschuld von Dreyfus konnte es mittlerweile keinen Zweifel mehr geben. Dennoch wurde er wiederum verurteilt, diesmal zu zehn Jahren Gefängnis unter Zubilligung mildernder Umstände. Kurz darauf wurde er vom Präsidenten der Republik begnadigt, aber erst nach sechs Jahren erreichte er die Aufhebung des Urteils von Rennes. Er wurde freigesprochen und vollständig rehabilitiert. Doch auch der wirklich Schuldige, der Major Graf Walsin-Esterhazy war, noch bevor Dreyfus von der Teufelsinsel zurückkam, freigesprochen worden. Er wurde nie mehr vor ein Gericht. gestellt.

Die Schwächen der Republik

Ein Schuldiger also wurde freigesprochen, ein Unschuldiger zweimal verurteilt. Und bei all dem geriet das Land in einen Strudel politischer Wirrnisse. Wie konnte das geschehen? Im Jahre 1899, zur Zeit der zweiten Verurteilung von Dreyfus, erschien in Deutschland eine sogenannte „kriminalpolitische Studie“ über die Affäre. Ihr Autor, Otto Mittelstadt, gibt darin nicht ohne leise Überheblichkeit ein Urteil, das am Jahresende 1962 diesseits des Rheins mancherlei vergleichende Überlegungen auslösen mag: