W. K. München, Ende Dezember

Seit Franz-Josef Strauß an der Spitze der CSU steht, leidet die Partei an einer latenten Krise. Offenkundig wurde sie jetzt, als gegen den Bundestagsabgeordneten Freiherr von Guttenberg ein Partei-Schiedsverfahren eingeleitet wurde. Wegen Verletzung der Parteidisziplin. Guttenberg soll sie mißachtet haben, weil er ohne Auftrag der Partei mit seinem Kollegen Lücke Fäden zur SPD gesponnen hatte.

Der Fall Guttenberg ist zu einem Prüfstein für die CSU geworden. Denn, sieht man einmal davon ab, daß der Abgeordnete nur Sondierungsgespräche mit Wehner führte, und diese auch noch im Auftrage des Kanzlers, so muß man sich doch fragen, welche seltsame Interpretation in der Münchener Parteileitung dem Verfassungsgrundsatz gegeben wird, nach dem ein Abgeordneter nur seinem Gewissen verantwortlich ist. Beim CSU-Vorstand scheint man den Abgeordneten nur als Teil eines Parteikollektivs zu sehen, der Abgeordnete soll Funktionärsaufträge erfüllen; eigenständige Inititave hat zu unterbleiben.

Doch seit dem Beschluß des Landesvorstandes gärt es in der CSU, und es scheint, als gehe Franz-Josef Strauß einer neuen Niederlage entgegen. Kaum war die Nachricht von dem Schiedsverfahren gegen Guttenberg bekannt, hagelte es Sympathie-Telegramme für den unterfränkischen Adelsmann. In Bayreuth kam es zu einer offenen Revolte von hundert oberfränkischen Bezirksverbandsmitgliedern, und sogar die Katholische Kirche ließ einige kritische Worte über die Führungskämpfe in der CSU verlauten. Kein Wunder, daß sich eine starke Gruppe in der CSU veranlaßt sah, schon jetzt den neuen bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel als Vorsitzenden der Partei zu empfehlen. Im März 1963 findet der nächste Parteitag der CSU statt; es ist nicht ausgeschlossen, daß diese Gruppe bis dahin genügend Stimmen gesammelt hat, um Strauß als Parteivorsitzenden abwählen zu können.

Schon die bayerischen Ministerpräsidenten Ehard und Seidel waren zugleich Vorsitzende der Christlich-Sozialen Union. Wie Goppel beauftragt wurde, die Spannungen zwischen der Gruppe um den stellvertretenden CSU-Vorsitzenden Eberhard und dem konservativen Petra-Kreis um Alois Hundhammer auszugleichen, so sollte einst Ehard die Flügelkämpfe um den Liberalen Josef Müller („Ochsensepp“) und den Konservativen Hundhammer beenden. Aber erst dem inzwischen verstorbenen Hanns Seidel war es gelungen, die parteiinternen Spannungen einigermaßen auszugleichen.

Dem robusten Strauß machte es indes nichts aus, Seidel in einer Kampfabstimmung den Vorsitz streitig zu machen. Doch erst als Seidel schwer krank wurde und das Amt niederlegen mußte, gelang es ihm, sich an die Spitze der CSU zu setzen. Strauß überwand freilich nie die Entfernung Bonn–München. So blieb die CSU in Bayern im Grunde ohne führende Hand. Statt dessen „regierte“ der Apparat, an dessen Spitze sich der Strauß-Intimus Friedrich Zimmermann als Generalsekretär setzte, ein junger, ehrgeiziger Mann; ihm zur Seite steht der stellvertretende Vorsitzende Eberhard. Dazu gesellte sich ab und an der nach schweren Richtungskämpfen ebenfalls zum stellvertretenden Vorsitzenden erhobene Oberbürgermeister von Bad Kissingen, Hans Weiß.

Diese Strauß-Mannschaft hatte nur ein Ziel: das politische Ansehen ihres Vorsitzenden zu heben und ihn für die Kanzler-Nachfolge vorzubereiten. Sie übersah dabei freilich, daß der Petra-Kreis um Hundhammer immer stärkeren Einfluß gewann und Strauß sich selber sein ärgster Gegner war. In der Wahl ihrer Mittel war diese Mannschaft nicht zimperlich. Die Wahlpropaganda im Jahre 1961 (zum Bundestag) und in diesem Jahr (zum bayerischen Landtag) klang schrill wie noch nie. Den Sozialdemokraten wurdevorgeworfen, sieattackieren immer noch die Bundeswehr. Und als der Verteidigungsminister das Bonner Parlament durch falsche Auskünfte in der Spiegel-Affäre brüskierte, verkündeten seine Freunde in der Münchener Parteizentrale: „SPD und FDP-Politiker beraten Tag und Nacht, wie sie den deutschen Verteidigungsminister mitten in einer Weltkrise stürzen können. Sie beschwören eine Staatskrise herauf.“ In einer Wahlsendung über den Bayerischen Rundfunk tönte es: „Chruschtschow, Ulbricht, Wehner, Mende – reichen einig sich die Hände.“