Der Ausblick auf das englische Wirtschaftsjahr 1963 ist durch den noch ungewissen Ausgang der EWG-Verhandlungen getrübt. Von der zweiten Jahreshälfte an werden auch die nächsten allgemeinen Wahlen wachsende Schatten werfen, die bei den derzeit günstigen Aussichten Labours die Unternehmungslust der Privatwirtschaft verdunkeln, obwohl sich Labour auf eine Politik radikaler Expansion festgelegt hat.

Das neue Jahr beginnt auch unter der konservativen Regierung im Zeichen einer zielbewußten Förderung der Wachstumsrate. Man hat sich damit etwas lang Zeit gelassen, wurde aber durch die fühlbare Zunahme der Arbeitslosigkeit schockiert und zum „Rückgriff auf Keynes“ aufgerüttelt. Der Wirtschaft wurden, vielleicht nicht immer an den richtigen Stellen, soeben einige Injektionen versbreicht, die sich im neuen Jahr auswirken sollen. Die Prognostiker stimmen darin überein, daß 1963 keine Depression, allerdings auch keine an 1959 oder 1960 heranreichende Hochkonjunktur sehen wird.

Das Sozialprodukt ist im Jahresdurchschnitt 1959 bis 1961 um 2,9 % gestiegen, und die Zunahme für 1962 wird auf 2 % geschätzt. Der National Development Council setzt die künftige Wachstumsrate mit 4 % an, während sachverständige Wirtschaftspraktiker zu einer etwas kleineren Ziffer gelangen. Eine solche Expansion wäre erfreulich, würde aber zur Uberwindung einer politisch und sozial untragbaren Arbeitslosigkeit kaum ausreichen. Diese ist um die Jahreswende rund 40 % höher als im Vorjahr (Nachkriegsrekord, obwohl noch immer nur 2,4% der arbeitenden Bevölkerung), aber die Zunahme hat sich bei gleichzeitiger Steigerung der industriellen Produktion (letzte Indexziffer 117 gegen 113,7 für ganz 1961) vollzogen. Die Produktion hat sich pro Arbeitskraft um 3 % gebessert.

Zurückhaltung wird auch durch die vielfach sinkende Kapazitätsauslastung erzeugt. Genau zwei Drittel der Betriebe, die soeben eine Umfrage des Iidustrieverbandes beantworteten, melden fallende Ausnützung der Kapazität; ein Jahr vorher waren es nur 41%. Die Stahlkapazität war im November nur noch mit 70 % gegen 77% (Oktober) ausgelastet. Die in Stahl, Chemie, Papier bestehenden Überkapazitäten machen Expansionspläne in diesen Industrien fragwürdig.

Da sich der fast zehnprozentige Rückgang der Investitionen in der Industrie ungefähr im gleichen Maß fortsetzen dürfte (im Dienstleistungs- und Verteilungssektor sind die Aussichten günstiger), wird das kommende Wachstum weitgehend von öffentlichen Investitionen und von staatlichen Interventionen abhängen. Staatliches Energieprogramm, Straßen-, Krankenhaus-, Universitäts- und Schulbauten sollen die Lücken teilweise ausfüllen, während steuerliche Investitionsbegünstigungen sowie die Krediterleichterungen auch die Privatwirtschaft ermutigen sollen. Aber es dauert seine Zeit, bis solche Maßnahmen spürbar werden.

Depressions- und Stagnationserscheinungen sind überwiegend auf die nördlichen Landesteile beschränkt. Dem Schiffbau, der im Norden eine bedeutende Rolle spielt, sagt man eine düstere unmittelbare Zukunft voraus, die sich bei einem EWG-Beitritt sogar noch verschlechtern wird. Man hofft in diesen Regionen auf Steuermaßnahmen, die eine gewisse Industrialisierung nach dem Norden locken sollen.

Von der Steuerseite her wäre immer noch eine Konsumbelebung möglich. Die kürzlich vorgenommene Reduktion der Verkaufssteuer für Autos zeigt, daß man höheren Orts vor einer Ausdehnung des inneren Marktes heute weniger Angst hat als früher.