Die französische Wirtschaft erfreute sich im Jahr 1961 eines bemerkenswert ausgeglichenen Wachstums. Der Index der industriellen Produktion stieg pro Vierteljahr um durchschnittlich zwei Punkte, die landwirtschaftliche Produktion um ungefähr 5 bis 6 % gegenüber dem Vorjahr; die Dienstleistungen nahmen um etwa den gleichen Satz zu. Überhitzungserscheinungen waren kaum zu verzeichnen. Die Arbeitsmarktlage war zeitweilig stark angespannt, erfuhr jedoch infolge der Rückkehr von etwa 250 000 arbeitsfähigen Algerienfranzosen, der Einwanderung von etwa 100 000 algerischen Moslems, der Entlassung von über 200 000 Rekruten, der natürlichen Vermehrung der aktiven Bevölkerung um etwa 120 000 Personen gegen Jahresende eine leichte Entspannung.

Als stärkster Konjunkturimpuls trat 1962 zum erstenmal seit der Währungsreform im Dezember 1958 die Konsumgüternachfrage auf, angereizt durch die Erhöhung der Reallöhne um etwa 5 bis 6 % und die Vermehrung der Bevölkerung um annähernd 1,2 Mill. Menschen zwischen Dezember 1961 und Dezember 1962.

Dagegen ging die Zuwachsrate des privaten Investitionsvolumens um etwa die Hälfte auf 7 % gegen 13 bis 14 % im Jahr 1961 zurück, während die Ausfuhrsteigerung sich wie im Vorjahr zwischen 10 und 11 % bewegte. Unter dem stärkeren Nachfragedruck stiegen dagegen die Einfuhren um 15 % gegen 6,5 % im Vorjahr. Gleichzeitig stiegen die Lebenshaltungskosten, wie im Vorjahr, um 5 %, die Industriepreise um etwa 3 %.

Die Gewinnmargen der Unternehmen sind unter dem Einfluß der Lohn- und sonstigen Kostenerhöhungen erheblich zurückgegangen, da die Wirtschaft nicht mehr wie in den Inflationsjahren im Schutze eines gegen das Ausland stark abgesperrten Binnenmarktes diese Kostenerhöhungen einfach auf die Preise aufschlagen kann. Unter dem steigenden Wettbewerbsdruck auf den Weltmärkten mußten die Exportpreise noch schärfer als die Inlandspreise kalkuliert werden.

In dieser Verminderung der Gewinnmargen findet man die Hauptursache der um die Hälfte zurückgegangenen Zuwachsrate der privaten Investitionen. Andererseits verfügt die französische Wirtschaft noch über gewisse unausgenützte Produktionskapazitäten. Schließlich hat auch der Verlust des Kolonialreiches, zuletzt Algeriens, gewisse Kapazitäten freigemacht, die allerdings zu einem großen Teil bereits wieder für den Export eingesetzt werden konnten.

Die Konjunktur in Frankreich ist gegen Ende des Jahres 1962 durch eine starke Konsumgüternachfrage gekennzeichnet. Die Werkzeugmaschinenindustrie dagegen meldete Ende 1962 einen gegenüber dem Vorjahr um rund 50 % gesunkenen Auftragseingang.

Im Augenblick besteht keine Gefahr eines Bruches der inneren Finanzstabilität, da die Regierung durch einen strikten Ausgleich des ordentlichen Staatshaushaltes den inflationären Trend abzubremsen bestrebt ist. Neue Steuern oder Steuererhöhungen sind nicht vorgesehen, und die Erhöhung der zivilen Verwaltungsausgaben wird wahrscheinlich durch die aus der Expansion resultierenden Mehreinnahmen gedeckt werden können. Die öffentlichen Investitionen für den sozialen Wohnungsbau und den Straßenbau sollen zwar erhöht, die zusätzlichen Mittel dazu aber über den privaten Kapitalmarkt aufgebracht werden. Letzterer zeichnet sich weiterhin durch eine außerordentlich hohe Liquidität aus, die sich aus den stetig hohen Zahlungsbilanzüberschüssen und dem Transfer von Algerienkapital in Höhe von mehreren Milliarden NF ergibt. Das Kapital lebt jedoch weiterhin in Furcht vor der Inflation, die durch die Preishausse der beiden letzten Jahre gewiß nicht zurückgedrängt wurde. Für langfristige Kapitalanlagen besteht daher relativ geringes Interesse, und die private und öffentliche Emissionstätigkeit hat sich gegenüber dem Vorjahr nur geringfügig erhöht.