Konjunkturprognosen sind Sache des Temperamentes. Ein Choleriker gelangt in der Beurteilung des gleichen Tatsachenmaterials meist zu anderen Schlußfolgerungen als etwa ein Sanguiniker, obwohl beide nach größtmöglicher Objektivität streben. So erwartet M. W. Holtrop, der Präsident der Niederländischen Bank, für 1963 keine Rezession in der holländischen Wirtschaft, die etwa mit dem Rückschlag im Jahre 1957 vergleichbar wäre. Er rechnet aber damit, daß die weiter schrumpfenden Gewinnspannen und die Oberkapazität, die da und dort in der Basisindustrie ans Licht kommt, zu einer Mäßigung in den wirtschaftlichen Projekten führen werden, wenngleich die Nachfrage im Konsumbereich noch weiter wachsen wird. Der holländische Finanzminister, Prof. Zijlstra, meint, das kommende Jahr werde eher noch eine Überspannung bringen, da der anhaltende Druck auf dem Arbeitsmarkt eine ausgeglichene Entwicklung der Wirtschaft nicht zulasse. Keinesfalls aber sei in absehbarer Zeit ein Konjunkturrückgang zu befürchten. Wirtschaftsminister de Pous spricht gar von einer revolutionären Entwicklung, von der sich die Schulweisheit nicht habe träumen lassen.

Der Kern des holländischen Problems ist: Holland muß seine Produktion erheblich steigern, um entsprechend exportieren zu können. Seinen wirtschaftlichen Aufstieg und seine hervorragende Position auf den Außenmärkten verdankte Holland den günstigen Preisen, zu denen es seine Qualitätserzeugnisse anbieten konnte. Diese günstigen Preise aber waren nur möglich, weil sich die Lohnansprüche der Arbeiter geraume Zeit in angemessenen Grenzen hielten, die durchschnittliche Arbeitsleistung ziemlich hoch war und die Arbeitswoche voll ausgenutzt werden konnte. Den Unternehmern blieben zudem ausreichende Betriebsgewinne und entsprechend Mittel für Investitionen, die einen immer größeren Umfang annahmen.

Der Umschwung trat ein, als zu einem Zeitpunkt, da sich ohnedies ein wachsender Druck auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar machte, die Arbeiter eine immer dickere Scheibe vom Wohlstandskuchen begehrten und außerdem noch völlig überstürzt die fünftägige Arbeitswoche eingeführt wurde. Die Arbeiter verdienten immer mehr und hatten auch mehr Zeit, um ihr Geld auszugeben. Mit anderen Worten: der Konsum stieg, während die Produktion geringer wurde und die Arbeitsleistung nachließ.

Dafür einige Zahlen: Nachdem 1960 die Produktion gegenüber dem Vorjahr um 10 % gestiegen war, nahm sie 1961 nur noch um 2 % zu, die Arbeitsleistung nur noch um 0,5 %; 1962 verbesserte sich die Produktion um 3 1/2 %, die Arbeitsleistung um 2 %. Die Löhne stiegen indessen um 7 1/2 %, die Arbeitskosten um 7 %. Das Bruttosozialprodukt stieg 1960 um 11 %, 1961 um 7 % und 1962 nur noch um 2 1/2 % um damit etwa 45,9 Mrd. hfl. zu erreichen; der Arbeitnehmeranteil am Volkseinkommen erhöhte sich auf 72,3 % (1961: 70,4 %).

Daß die Kosteninflation die Aktivität der Unternehmerschaft hemmt und die Investitionsfreudigkeit nachläßt und allmählich schwindet, liegt auf der Hand. Zwar macht die fortschreitende Industrialisierung die Anschaffung von Kapitalgütern notwendig, und auch der Arbeitermangel zwingt immer stärker zur Mechanisierung und Automatisierung; doch verringerte sich die Zuwachsrate der Bruttoinvestitionen ganz erheblich von 11 % im Jahre 1960 auf 4 % 1962, während sie 1963 bestenfalls noch 2 % betragen wird. Diese Rückläufigkeit spiegelt deutlich die Schrumpfung der Betriebsgewinne. Nun ist es für die großen Konzerne in Holland ein Leichtes, sich durch Aktienbegebungen und Obligationsanleihen das nötige Betriebs- und Investitionskapital auf dem meist flüssigen Kapitalmarkt zu beschaffen. Für die zahlreichen Mittel- und Kleinbetriebe jedoch, die zudem nicht an der Börse eingeführt sind, ist es außerordentlich schwierig, risikotragendes Kapital aufzutreiben. Gerade aber dieser breite Wirtschaftssektor trägt an der Bürde der stetigen Kostensteigerung am schwersten.

Was erwartet die holländische Wirtschaft vom neuen Jahr? Bestenfalls Konsolidierung dessen, was sie in den verflossenen Jahren mühsam geschaffen hat. Zwar hat sich die Regierung zur Einführung der freien Lohnpolitik entschlossen, wobei der Wirtschaft die Verantwortung überlassen werden soll, doch ist amtlich schon errechnet worden, daß die Löhne bestenfalls nur noch um 2,7 % steigen können. Der Lohnkonflikt aber, der kürzlich zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in der Metallindustrie ausgebrochen ist (die 40 % aller holländischer Industriearbeiter beschäftigt und gut ein Drittel des gesamten Bruttosozialproduktes bestreitet), läßt wenig Gutes ahnen.

Während die Unternehmer auf die schwierige Lage u. a. im Schiffbau und bei den Zulieferbetrieben hinweisen, auf die verschärfte Konkurrenz und die nachlassenden Preise und in Anbetracht dessen, daß sie 1963 für ihre Arbeiter die Prämie für die neue Invaliditätsrente und einen Ausgleichsbetrag für die heraufgesetzte Altersrentenprämie zahlen müssen, eventuell noch eine Lohnerhöhung von 1 1/2 % aufbringen können, fordern die Arbeiter mindestens 3 1/2 %.