Die Arbeitskraftreserven schmelzen an der europäischen Konjunktursonne – eine betonte Sozialpolitik belastet den Staatshaushalt und die Wirtschaft

Die künftige wirtschaftliche Entwicklung Italiens wird mit Vorsicht beurteilt. Der Elan der vergangenen zwei, drei Jahre ist einer bedächtigeren Haltung gewichen, seit die überall steigenden Kosten die Gewinnchancen bedenklich reduziert und das bis vor kurzem florierende Auslandsgeschäft eingeengt haben. Bislang war Italien wegen seiner hervorragenden Qualitätsleistungen und wegen seines vergleichsweise niedrigen Lohnniveaus dem Wettbewerb der europäischen Industriestaaten gewachsen. Heute zieht es seinen einzigen Trost daraus, daß sich bei seinen Industrienachbarn die Löhne und Preise ebenfalls erhöhten. Es wird sich bald zeigen, ob die italienische Industrie, die in den vergangenen zehn Jahren die Außenmärkte gleichsam im Sturmschritt eroberte, dem internationalen Wettbewerb standzuhalten vermag und ob sie imstande sein wird, das von Jahr zu Jahr zunehmende Bruttosozialprodukt weiter zu steigern. (1961: 20 975 Mrd. Lire, für 1962 wird das Bruttosozialprodukt auf 22 150 Milliarden geschätzt.) Der Erhöhungssatz gegenüber dem Vorjahr dürfte also 5,6 % betragen, während er von 1960 auf 1961 nicht weniger als 7,9 % betrug.

Die jüngsten, zum Teil der offiziellen Statistik, zum Teil zuverlässigen Schätzungen entnommenen Zahlen lassen erkennen:

1. daß die Bruttoinvestitionen sich von 5358 Mrd. Lire (1961) auf nur 5670 Mrd. (1962) erhöht haben, was einen starken Rückgang der Steigerungsraten der vorangehenden Jahre bedeutet;

2. daß der private und öffentliche Konsum von 15 482 Mrd. Lire (1961) auf 16 400 Mrd. (1962) gestiegen ist.

Es wurde schon angedeutet, daß mannigfache Faktoren dazu beigetragen haben, kosten- und preistreibend zu wirken. Am meisten geht der Druck von den Löhnen und Steuern aus, die beide von der „betonten Sozialpolitik“ der im Mai 1962 ins Leben gerufenen Mitte-Links-Koalition (Regierung Fanfani) ihren Ausgang nehmen.

Eng verbunden mit den steigenden Löhnen sind die ständig wachsenden Lebenshaltungskosten, die im Oktober 1962 eine Erhöhung von 6,8 % gegenüber dem Vorjahr aufweisen und die ihre steigende Tendenz fortzusetzen scheinen. Die Teuerung wirkt besonders eindrucksvoll, wenn der Leser erfährt, daß dieser Steigerungssatz von 6,8 % innerhalb eines Jahres sich vorher während eines Zeitraums von mehr als vier Jahren vollzogen hatte.