Jahreswende ohne Jubel – aber Hoffnung auf eine langfristig wirkende Wirtschaftspolitik

Die Störungsfronten am internationalen Konjunkturhimmel haben Österreich erreicht. Die schon lange signalisierte Abschwächung der Marktlage ist eingetreten, und wenn auch von einem Konjunktureinbruch nicht die Rede sein kann, so erlebt man immerhin eine Konjunkturdifferenzierung, die ohne zielbewußte wirtschaftspolitische Gegenmaßnahmen krisenhaftes Ausmaß annehmen könnte.

Österreich hat sich seit dem Krieg vornehmlich auf die Produktion von Grundstoffen und Investitionsgütern eingestellt, die im Vorjahr 61 % der gesamten Industrieproduktion erreichten gegenüber 43 % 1937. Nun zeigt sich aber, daß die Abflachung der Weltkonjunktur vor allem den Grundstoff- und Investitionsgütersektor trifft, auf dem auch tatsächlich in Österreich die bedenklichsten Schwächezeichen erkannt werden. Die Kapazitäten dieser Industrien erweisen sich als zu groß, und man spricht deshalb bereits von einer Strukturkrise.

Im Wesen einer solchen Krise liegt es, daß sie sich keineswegs sofort durch Symptome ankündigt, die auch dem Mann auf der Straße deutlich werden. Für ihn herrschen noch Zeiten ungebrochener Hochkonjunktur. Die Steigerung der Masseneinkommen 1962 überschritt bei weitem die Erhöhung der Lebenskosten. Der Arbeitsmarkt ist weiterhin höchst angespannt und erlaubt immer neue Lohnforderungen, denn das minimale Kontingent von ausländischen Arbeitern, das 1962 nach Österreich kam, konnte keine fühlbare Entspannung bewirken, und ob die für 1963 zugelassenen 47 000 fremden Arbeitskräfte beschafft werden können, ist bei der Ausschöpfung der südeuropäischen Arbeitsmärkte höchst fraglich.

Arbeitskraftmangel, gewerkschaftliche Lohnforderungen, steigende Lebenskosten, schrumpfende Gewinnmargen sind die eine Seite des konjunkturellen Bildes. Die andere zeigt eine beispiellose Massenkaufkraft, die den Binnenmarkt zu einer Konjunkturstütze macht, die angesichts der Weltmarktlage wichtiger ist als in den Jahren zuvor. So steht Österreich heute in einer zweideutigen Wirtschaftsperiode.

Die Auftragpolster der Industrie sind im Vergleich zum Vorjahr um 10 % kleiner geworden. Überdurchschnittlich zurückgegangen sind sie in der Gießerei-, Eisen-, Metallwaren-, Säge- und chemischen Industrie. Die Fertigwarenlager der verarbeitenden Industrie sind im Durchschnitt um ein Viertel höher als im Vorjahr, wobei sich deutlich zeigt, daß die Produktion ihre Impulse immer mehr von der Konsumgüterindustrie in den Sektoren Nahrungs-, Genußmittel und Bekleidung erhält. Doch schon die Produktion dauerhafter Konsumgüter war im Herbst um 9 % niedriger als 1961.

Diese starke Konjunkturdifferenzierung und die für das nächste Jahr vermutete Zunahme des Wirtschaftswachstums von „nur“ 3 % lassen langfristige Stabilisierungsmaßnahmen dringend notwendig scheinen. Während von den Sozialisten ein Wirtschaftsrat mit dirigistischen Vollmachten gefordert wird, vertritt die Volkspartei die Notwendigkeit einer marktkonformen Wirtschaftspolitik mit einer langfristigen Programmierung, und auch die Industrie wünscht eine Wirtschaftspolitik auf lange Sicht. Sie erinnert an die amerikanische Economic Advisers und stellt ein ähnliches Gremium für Österreich zur Diskussion.