Zur Zeit gibt es in der Schweiz nur zwei Themen. Nummer 1: Die Schweiz und die EWG; Nummer 2: die Konjunkturüberhitzung.

Thema 1 hat natürlich Ausstrahlungen auf die Konjunktur. Da auch im nächsten Jahre nicht mit einer Assoziierung der Schweiz an die EWG zu rechnen ist, müßte dies eigentlich als Bremse für die Hochkonjunktur wirken. Seit jeher kommen von der Exportindustrie die entscheidenden Impulse auf die schweizerische Konjunktur. Über ein Viertel des Volkseinkommens wird im Ausland verdient. Und da zudem etwa zwei Fünftel der Gesamtausfuhr nach Ländern der EWG gehen, hätte die Zolldiskriminierung eigentlich gespürt werden müssen. Doch nichts davon; der schweizerische Konjunkturkessel, der nun schon seit vielen Jahren unter Dampf steht, hat sich 1962 weiter erhitzt. Das Wachstum des Nettosozialproduktes erhöhte sich 1961 auf 11 % (1960: 8 %) und erreichte 37,7 Mrd. Franken. Auf Grund der Entwicklung der Postscheckumsätze, die erfahrungsgemäß parallel zur Bewegung des Volkseinkommens verlaufen, kommen Schätzungen für 1962 auf eine weitere zwölfprozentige Zunahme des schweizerischen Volkseinkommens. Pro Einwohner dürften daher im laufenden Jahr etwa 5300 Fr. verfügbar gewesen sein. Die reale Zunahme der Kaufkraft pro Einwohner ist seit Kriegsende um fast 60 % gestiegen.

Während aber in den Vorjahren die internen Kostensteigerungen weitgehend durch die rückläufige Entwicklung der Weltmarktpreise aufgefangen werden konnte, war dies 1962 erstmals nicht mehr der Fall. Mit einer 4,4 prozentigen Geldentwertung verläßt die Schweiz den traditionellen Platz als Träger der roten Laterne im Wettlauf um die Inflation. Hierüber herrscht in allen Kreisen große Bestürzung. Die Möglichkeiten der öffentlichen Hand zur Beeinflussung von Konjunktur und Teuerung sind nämlich in der Schweiz sehr beschränkt. Im Gegenteil: die Behörden sind gesetzlich gezwungen, die landwirtschaftlichen Preise paritätisch an die Verdienste der übrigen Wirtschaftszweige anzupassen, was teuerungverschärfend wirkt.

Größere Hoffnung auf eine Dämpfung der überbordenden Konjunktur könnten von der Abschwächung der Weltkonjunktur ausgehen. Bisher hat sich diese Abschwächung in der Schweiz kaum bemerkbar gemacht. Mangels statistischer Unterlagen ist die Beurteilung der Investitionschancen durch die Unternehmer nicht bekannt. Eine wichtige Kennziffer, die ersatzweise herangezogen werden kann, sind die Lagebeurteilungszahlen. Bei einem möglichen Maximum von 150 Punkten (Spannweite 50 bis 150) ging diese Zahl in der Industrie innerhalb Jahresfrist leicht von 143 auf 141 Punkte zurück. Darin spiegelt sich vor allem die etwas unsicher gewordene Lage im Export, die vorläufig noch durch steigende Exportzahlen überdeckt wird.

Die Lagebeurteilungszahlen im Baugewerbe erhöhte sich im Gegensatz zur Industrie von 146 auf 147 Punkte. Überdies scheint, zumindest in den Großstädten, die Wohnungsnot immer noch nicht überwunden. Dadurch wird der sekundäre Boom weiter gefördert. Dazu kommt, daß der aufgestaute Investitionsbedarf der öffentlichen Hand nun aus politischen Gründen nicht mehr länger zurückgehalten werden kann. Für 1962 werden die Bruttoinvestitionen in der Schweiz auf 11,4 Mrd. Fr. geschätzt. Das Mehrjahresprogramm allein der öffentlichen Bauvorhaben für 1963 bis 1967 beträgt 23,8 Mrd. Fr. und ist um 81 % höher als für die letzte Fünfjahresperiode.

Trotz der großen bevorstehenden Ausgaben, die durch den Straßenbau, Gewässerschutz, die Erstellung von Schulen und Verwaltungsgebäuden hervorgerufen werden, ist in vielen Kantonen und neuerdings auch auf Bundesebene die Rede von Steuerabbau. Dies muß um so mehr verwundern, als aus konjunkturellen Gründen die Steuern eigentlich nicht ermäßigt, sondern erhöht werden sollten. Die schweizerische Finanzpolitik richtet sich aber immer noch in erster Linie nicht nach den Notwendigkeiten der allgemeinen Wirtschaftspolitik, sondern nach dem Stand der öffentlichen Finanzen, deren Verfassung zumindest beim Bund als hervorragend bezeichnet werden kann.

Eine gewisse Schwierigkeit, die 1963 akut werden könnte, ist nicht zu übersehen. Während bisher das für 1962 auf 2 Milliarden Franken geschätzte Defizit der Leistungsbilanz (auch dies eine Folge der Überkonjunktur: rasch zunehmender Bedarf an Auslandsgütern) überspielt werden konnte durch ständige Kapitalzuflüsse aus dem Ausland, könnte dieser Strom 1963 versiegen, sofern sich die internationale politische Lage weiter beruhigen sollte. Dann wird am Kapitalmarkt manifest werden, daß die Schweiz über ihre eigenen Mittel lebt. Devisenabflüsse werden zu einer Verknappung am Kapitalmarkt und einer Versteifung der Zinssätze führen. Hier zeichnen sich bescheidene Möglichkeiten einer echten Konjunkturbremse ab. Das Konjunkturthema wird auch im kommenden Jahr nicht von der Traktandenliste verschwinden. Bei allen Diskussionen ist man sich aber in der Schweiz klar, daß das kleine in der Brandung der Weltwirtschaft stehende Land letzten Endes immer abhängig bleibt vom Geschehen außerhalb seiner Grenzen.

Werner Meyer, Basel