Die amerikanische Wirtschaftspolitik ist von dem Problem der Überwindung der Stagnation beherrscht, in der das Wirtschaftsleben der Vereinigten Staaten seit etwa fünf bis sechs Jahren verharrt. Die Parole „Amerika wieder in Bewegung zu bringen“, mit der Kennedy die letzte Präsidentschaftswahl gewonnen hat, war wirtschaftlich gemeint. An und für sich hat das industrielle und landwirtschaftliche Produktionsvolumen wie auch der Lebensstandard der Vereinigten Staaten Höhen erreicht, die eine Stagnationsperiode durchaus erträglich erscheinen lassen. Die strukturelle Arbeitslosigkeit jedoch ist störend und für die von ihr betroffenen Dauerarbeitslosen in bestimmten Bezirken ein drückendes Problem. Sie beeinträchtigt das Bild des allgemeinen Wohlstandes aber nur am Rande, und die Abhilfe dringender Not stellt kein ernsthaftes finanzielles Problem dar.

Der Antrieb zur Beschleunigung des wirtschaftlichen Entwicklungstempos ist in starkem Maße politischer Natur. So meinte der Präsident der Standard Oil Co. (N. J.) Rathbone kürzlich:

„Unter Berücksichtigung der Bevölkerungszunahme steht unsere Wirtschaft praktisch still. Verglichen mit Westeuropa und auch Japan verlieren wir auf wichtigen Gebieten sogar an Boden. Es ist nicht nur für unseren Lebensstandard, sondern auch für unsere Stellung als große Weltmacht entscheidend, daß wir die Wachstumsrate der amerikanischen Wirtschaft beschleunigen.“

Es handelt sich aber nicht in erster Linie um die Entwicklungskonkurrenz mit den befreundeten westlichen Ländern. Beunruhigender ist der wirtschaftliche Wettkampf mit der Sowjetunion. Ein weiteres jahrelanges Anhalten der Stagnation müßte die amerikanische Wirtschaft trotz ihres überlegenen Produktionspotentials ins Hintertreffen bringen.

Die unmittelbare Ursache dieser Stagnation liegt klar zutage: Sie ergibt sich aus der Schwäche der industriellen Investitionen, die seit dem Jahre 1956 der Konjunkturlage entsprechend um ein Niveau von jährlich 35 Mill. Dollar schwankten. In der Zwischenzeit hat sich das Bruttosozialprodukt in den Jahren 1956 bis 1962 um annähernd ein Viertel erhöht, so daß sich die Investitionsrate relativ rückläufig bewegt hat. Die Ermüdung der Investitionslust ist die Folge von Überkapazitäten, die bei fast allen Produktionszweigen bestehen und die Unternehmer vor weiterer Expansion abhalten. Der Bedarf an Automobilen, Eisschränken, Fernsehapparaten, Waschmaschinen und dergleichen ist heute gedeckt und die Produktion bleibt auf den Ersatzbedarf und die von der Bevölkerungszunahme ausgehende Nachfrage beschränkt. Das reicht nicht mehr aus, der Industrie stärkeren Auftrieb zu geben.

Während die Umsätze und auch die Preise durch die Konkurrenz unter Druck gehalten werden, haben die Lohn- und sonstigen Kostensteigerungen ihren Fortgang genommen und die Unternehmer in die Gewinnklemme (profit squeeze) genommen. Zum Teil können die Lohnsteigerungen durch weitere Automatisierung ausgeglichen werden, zum Teil jedoch gehen sie auf Kosten der Gewinnraten. Die Gewinnverhältnisse heute lassen verstärkte Investitionen, soweit sie nicht dem Ziel der Arbeitsersparnis dienen, nicht mehr attraktiv erscheinen.

Die Wirtschaftsberater der Regierung sind sich mit den Vertretern der Wirtschaft einig, daß der einzige Ausweg in einer fühlbaren Senkung der Gewinnsteuern bei den Gesellschaften sowie der persönlichen Einkommensteuer besteht. Der Grundgedanke der Steuersenkung besteht darin, daß die ersparten persönlichen Steuerbeträge der Kaufkraft und Nachfrage nach Konsumgütern zugute kommen, während die Reduktion der Einkommensteuer der Gesellschaften, die mit Abschreibungsvergünstigungen verbunden ist, die Investitionen fördert. Es bleibt abzuwarten, ob diese Rechnung aufgeht. Es wäre ja auch denkbar, daß die ersparten Steuerbeträge in Reisen, Versicherungszahlungen, ärztliche und erzieherische Ausgaben, Sparkonten oder Effektenkäufe wandern statt zu einem Run auf die Geschäfte zu führen. Der Trend der Konsumentenausgaben bewegt sich seit Jahren in der Richtung verstärkter Inanspruchnahme von Dienstleistungen. Von den Steuerersparnissen der Gesellschaften ist zu bezweifeln, ob sie zu erhöhten Investitionen oder für andere Zwecke wie z. B. Schuldentilgung, Erhöhung der Liquidität, größere Unternehmerentnahmen oder höhere Dividendenausschüttungen verwendet werden. Die Zweifel erscheinen um so begründeter, als die Schwäche der Investitionstätigkeit nicht auf einem Mangel an Mitteln, sondern darauf beruht, daß Kapazitätserweiterungen nicht erforderlich sind. So besteht also die Gefahr, daß die erhofften konjunkturellen Anregungen mittels der Steuersenkung mehr oder weniger ausbleiben, während die Regierung den Einnahmeausfall in vollem Umfang zu tragen hat.