Für die außereuropäischen Neutralen hat das Jahr 1962 drei Ereignisse von größter Wichtigkeit gebracht: Die amerikanisch-sowjetische Kraftprobe in Kuba, den indo-chinesischen Grenzkrieg und – zeitlich vor diesen Ereignissen, aber in seinen Auswirkungen einstweilen noch nicht zu übersehe – die Neutralisierung von Laos, wo bis dahin eine Art „spanischer Bürgerkrieg“ zwischen Ost und West ausgetragen wurde.

War bisher non-alignment – Bündnislosigkeit oder präziser: Nicht-sich-Festlegen – die Philosophie der Neutralen, und ihre Politik ein „Schaukein“ zwischen den beiden Giganten, um beide ausnutzen zu können, so sind dieser Praxis durch die Ereignisse in Kuba und an der Himalaja-Grenze jetzt sehr enge Grenzen gezogen worden. Voraussetzung für die bisherige Übung war nämlich zweierlei: a) die Annahme, einer der Giganten, Amerika, fürchte den Kommunismus so sehr, daß er auf keine Herausforderung reagiere, und b) die Vorstellung, der andere, der östliche Gigant, sei willens und bereit, die neuen Staaten vor dem Neo-Imperialismus der alten westlichen Kolonialmächte zu schützen.

Kuba hat gezeigt, daß die erste Annahme falsch ist. Der indo-chinesische Grenzkrieg hat die zweite Vorstellung als Illusion enthüllt; das war die sehr viel schmerzvollere Erkenntnis für die Neutralen, denn sie machte deutlich, daß die Verkündung „Mein Name ist Hase weder den Drachen noch den Bären dazu veranlaßt, sich mit der Rolle des Hasen zufriedenzugeben.

Das Weltbild der Neutralen, geprägt durch schlechte Erfahrungen mit westlichen Mächten und unbalanciert durch das Fehlen jeglicher Erfahrung mit einer kommunistischen Großmacht, wird allmählich zurechtgerückt und ins Lot gebracht. „Wir lebten außerhalb der Realität“, bekannte Nehru, der fest daran geglaubt hatte, es sei möglich, auch in einer waffenstarrenden Welt friedlich zu leben, wenn man nur die Philosophie der Neutralität wirklich ernst nähme. Jetzt hat er erleben müssen, daß auch die in Colombo versammelten sechs neutralen Mitbrüder sich nicht trauten, in wahrer Neutralität zu handeln: sie haben weder China als Aggressor gebrandmarkt noch einen Vorschlag produziert, der Indien zu seinem Recht verhelfen könnte; denn nicht das Recht Indiens, sondern die Macht Chinas hat sie in Bann geschlagen.

Die Frage, die erst im neuen Jahr ihre Beantwortung finden kann, lautet jetzt: Wird Indien, bisher Führungsmacht aller Neutralen, aus dem Kreis der Bündnisfreien ausgeschlossen werden, weil es in seiner Not westliche Waffen in großem Umfang angefordert und genommen hat? Oder werden die übrigen Neutralen aus jener Notlage die Erkennnis ziehen, daß der Beschluß, neutral zu sein, noch keine Garantie dafür ist, daß diese Neutralität auch von expansionsfreudigen Mächten respektiert wird?

Und auch dies werden wir erst 1963 sehen: Ob wenigstens die von Ost und West garantiert; Neutralität des Staates Laos Bestand haben kann. Einstweilen jedenfalls erscheint das noch keineswegs gewährleistet. Marion Dönhoff