Für Montagnachmittag – es war der 10. Dezember – war in der Bundeshauptstadt eine wichtige Sitzung anberaumt; sie fiel aus. Dr. Rolf Dahlgrün nutzte die günstige Gelegenheit zu einem verlängerten Wochenende und machte auf seinem Autoweg nach Bonn Station bei guten Freunden. Inzwischen liefen in Bonn die Telephonapparate heiß, aber der von seinem Glück – oder Unglück, wie man will – nichtsahnende Bundestagsabgeordnete der Freien Demokraten blieb „vermißt“. Bis ihm dann endlich gegen 21 Uhr – in Bonn angelangt – die Frage vorgelegt werden konnte, ob er Bundesminister der Finanzen werden wolle. Er sagte nicht nein. Daß er um dieses Amt nicht „gekämpft“ hat – man muß es ihm glauben. Vor einem Jahr war das anders, da hätte ihn die Berufung zum Bundesfinanzminister weniger als jetzt überrascht. Aber damals unterlag er seinem Parteifreund Starke nach Punkten.

Diese kleine Episode um den neuen Finanzminister charakterisiert ihn vortrefflich: er liebt das (Privat-) Leben, die Natur – ist Weidmann mit Liebe und Leidenschaft – und irgendwo auch die Gemütlichkeit. Hektik, Fanatismus, spektakuläre Geschäftigkeit und Unbeherrschtheit kennt er nicht; diese Eigenschaften sind ihm wohl auch ein Greuel. So ist er genau das Gegenteil seines Amtsvorgängers. Er lehnt es beispielsweise grundsätzlich ab, publikumswirksame Reden nur um des Redens willen zu halten – wenn im Grunde eigentlich nichts zu sagen ist. Aber schon in den ersten beiden Tagen seines finanzministeriellen Daseins erreichten ihn viele Bitten, hier und dort zu sprechen. Doch öffentliche Reden Dahlgrüns werden wohl auch in Zukunft Raritäten bleiben, wie auch die Schriftstellerei alles andere als sein Hobby ist. Man mag die Archive noch so auf den Kopf stellen, Aufsätze aus der Feder von Dahlgrün fallen kaum heraus. Unverkennbar auch eine gewisse Scheu, sich irgendwie „festzulegen“.

Seine Parteifreunde werden „ihrem“ Minister diese Zurückhaltung gewiß verargen, vor allem in Wahlkampfzeiten. Aber diesen „Ärger“ wird Dahlgrün nicht fürchten. Den Fehler seines Vorgängers, Regierungs- und Parteiarbeit unentwirrbar zu verquicken, will und darf er auch nicht wiederholen. Bleibt er diesem Grundsatz konsequent treu, so wäre das in der Tat ein neuer, ein um der Sache der Bundesfinanzen willen begrüßenswerter Regierungsstil.

Was Dahlgrün aber anpackt, das läßt er nicht mehr so leicht los. Bei der Phoenix-Gummiwerke AG in Hamburg-Harburg hat er bereits das 25jährige Dienstjubiläum feiern können. Im Jahre 1936 trat der damalige Assessor in die Rechtsabteilung des Unternehmens ein und wurde 1938 mit erst dreißig Jahren deren Leiter. Der heute 82jährige Albert Schäfer, der sich in der Kammerorganisation über Hamburg hinaus einen großen Namen gemacht hat, „kaufte“ ihn damals ein. Der Phoenix blieb Dahlgrün auch treu, als er sich 1949 der Politik zu widmen begann. Selbst als Vorsitzender des Haushaltsausschusses der Hamburger Bürgerschaft gab er, was ihm nicht immer leicht fiel, seine Tätigkeit als Justitiar des Unternehmens nicht auf.

Immerhin mußte er sich hier in eine ihm bislang fremde Aufgabe einarbeiten – und das an verantwortlicher Stelle. Auf dem tarifpolitischen Gebiet war er 1953, als er den Hamburger Haushaltsausschuß übernahm, natürlich viel besser als auf dem der Finanzen und Steuern „zu Hause“. Lange Jahre wirkte Dahlgrün als Mitglied der Tarifkommission der Kautschukindustrie maßgeblich an der Gestaltung der Tarifverträge mit, fungierte mehrere Jahre als Arbeitsrichter und Landesarbeitsrichter und war schließlich an der Entstehung des Betriebsverfassungsgesetzes nicht unwesentlich beteiligt.

Auf dem Gebiet der Löhne und Preise liegt denn auch unbestreitbar die besondere fachliche Stärke Dahlgrüns. Das hat bereits zu Bedenken Anlaß gegeben, ob er überhaupt auf dem Stuhl des Bundesfinanzministers der „richtige Mann“ sei. Nun, das Handeln um Lohnprozente unterscheidet sich in der Praxis nicht sehr erheblich von dem Feilschen um Etatmillionen. Er wird auch hier die nötige Härte gewiß nicht vermissen lassen, wenn man sie diesem äußerlich sehr konziliant wirkenden Mann auf den ersten Blick auch kaum zuzutrauen bereit ist. Jene, die ihn aber noch aus den Tarifverhandlungen kennen, können seine „Härte in der Sache“ sehr wohl bestätigen.

Zum anderen hat Dahlgrün als Vorsitzender des Haushaltsausschusses des Hamburger Landesparlaments vorzügliche finanzpolitische Arbeit geleistet, ohne davon freilich – wie es seine Art ist – viel Aufhebens zu machen. „Wenn ein Abgeordneter eine riesige Arbeit zur Zufriedenheit aller bewältigt hat, dann ist es dieser Mann“, mit diesen Worten des Präsidenten wurde Dahlgrün 1957 vor der Hamburger Bürgerschaft verabschiedet, um in den Bundestag einzuziehen.