Es ist... nicht zu bestreiten, daß es unbefriedigend ist, Einnahmen aus gewerbsmäßiger Unzucht einkommensteuerfrei zu belassen, während Frauen mit dem Entgelt aus anständiger Arbeit zur Einkommensteuer herangezogen werden.“

Recht haben sie, die Richter des Bundesfinanzhofes (Urteil vom 22. Juni 1962 VI 112/59 S). Unbefriedigend ist das. Gewerbe ist Gewerbe. Und vor dem (Einkommensteuer-)Gesetz sind alle gleich. Davon ist offenbar schon der Reichsfinanzhof in seinem Urteil vom 8. April 1943 (IV 33/43) ausgegangen, als er feststellte, „daß kein triftiger Grund vorliegt, Einkünfte aus eigener gewerbsmäßiger Unzucht von der Einkommensteuer freizulassen“.

Leider gibt es triftige Gründe, die keine Rechtsgründe sind und Rechtsgründe, die nicht immer triftig erscheinen. Wo es beispielsweise an einem „Steuertatbestand“ fehlt, hilft auch das gesündeste Rechtsempfinden nichts. Nicht jeder Fall ist ein Steuerfall. Einkünfte aus fortgesetzten Sündenfällen zählen nun einmal nicht zu den sieben Einkunftsarten, die der Gesetzgeber zur Einkommensteuer heranzieht. Auch dann nicht, wenn der Bundesminister der Finanzen geltend macht, „es könne bei Frauen, die sich selbständig und nachhaltig gegen Entgelt Männern preisgeben, angenommen werden, daß sie sich selbständig und nachhaltig betätigten“ – entsprechend § 15 Ziff. 1 EStG oder § 22 Ziff. 3 EStG.

Es darf – nach Meinung des IV. Senats des Bundesfinanzhofs nicht übersehen werden, „daß die Begrenzung der Einkommensteuer auf bestimmte Einkunftsarten auch sonst zu Ergebnissen führen kann, die auf den ersten Blick überraschen – das gilt z. B. für mühelose Spekulationsgewinne ...“

Was hier überrascht, ist freilich weniger das Ergebnis als das Beispiel. „Es ist nicht zu bestreiten, daß es unbefriedigend ist“, Prostitution und Spekulation in einen Topf zu werfen. Bei aller Gemeinsamkeit – der Nachsilben.

Fiat Justitia! W. B.