SENDER FREIES BERLIN

Freitag, 14. Dezember, die Dokumentation:

„Unsterbliches Deutschlandlied

Nein, totzukriegen ist das Lied nicht, das viele Kommentatoren gefunden hat; „Liebeserklärung eines Kindes gegenüber seiner Mutter“ nennt es Professor Thielicke, „großmäuliges Gedicht“ nannte es Kurt Tucholsky. Abseits von bundesdeutschen Ohren und zu vormitternächtlicher Stunde haben die Berliner Autoren Reimar Lenz und Ansgar Skriver, sorgsam Für und Wider registrierend, die Geschichte des sogenannten „Deutschlandliedes“ aufgezeichnet, dritte Strophe, erste Strophe, samt der lustigen zweiten.

Unschuldig und ehrbar hatte es angefangen, von Haydn stammte die Melodie, und Texter war ein anständiger Demokrat, Hoffmann von Fallersleben, als Aufrührer sogar vor preußische Gerichte zitiert. Schon Friedrich Nietzsche erkannte: „Deutschland, Deutschland über alles ist. vielleicht die blödsinnigste Parole, die je gegeben worden ist“, aber das hinderte den sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert nicht, diese Parole zur Nationalhymne zu erheben. Daß idealistische Studenten bei Langemarck, dieses Lied auf den Lippen, verheizt worden waren, war damals gewiß kein Argument dagegen – Opfertod adelt alles, vor allem nationale Hysterie. Immerhin warf das schon ein bezeichnendes Licht auf den Charakter der von Professor Thielicke assoziierten „Mutter“.

Vollends in den Jahren danach: Hindenburg hatte zwar schon das Seine getan, aber unter Hitler erlebte das Lied seine Blütezeit, und es gebar einen zwar illegitimen, aber durchaus nicht untergeschobenen Balg: das „Horst-Wessel“-Lied. Der war zwar fünf Jahre tot, aber fast jeder dachte gern oder ungern an ihn, als Konrad Adenauer in April 1950 im Berliner Titania-Palast durch einen „Staatsstreich“ – so Jakob Kaiser – das ,‚Deutschlandlied“ rehabilitierte: Er ließ die dritte Strophe absingen und erzwang von dem widerstrebenden Theodor Heuß bald darauf deren Anerkennung als Nationalhymne.

Seither ist das Lied wieder nationales Tabu, den Altbundespräsidenten aber konnte die „Deutsche Wochen-Zeitung“ am 25 August 1962 als „Waschweib“ und „politischen Bettnässer“ beschimpfen, weil er damals dagegen gewesen war. Dazu die Autoren Lenz und Skriver: „An seiner (des Deutschlandlieds’) Geschichte läßt sich ablesen, was die Stunde in Deutschland jeweils geschlagen hat“. Otto Köhler