In der großen Auseinandersetzung zwischen Ost und West, die seit anderthalb Jahrzehnten das Weltgeschehen bestimmt, ist 1962 ein Jahr des Westens gewesen. Die Genugtuung darüber ist berechtigt. Die Aufrichtigkeit gebietet es allerdings, eines einschränkend hinzuzufügen: daß es weniger der ganze Westen war, ein in seinem politischen Wollen und Trachten einiger atlantischer Bund, der das verflossene Jahr auf seine Seite zwang, als in erster Linie die westliche Führungsmacht Amerika.

An dem beherrschenden Ereignis der vergangenen zwölf Monate – der Kuba-Krise – ist das besonders deutlich geworden. Diese Krise brachte die Welt dem atomaren Abgrund so nahe wie nie seit 1945. Am Ende wurde sie gemeistert, weil Kennedy handelte, ohne viel zu fackeln oder zu fragen, und weil er Festigkeit mit Mäßigung zu vereinen wußte. Die Logik des Erfolgs wirkte dann überzeugender als alle Argumente, die der US-Präsident seinen Verbündeten vorher hätte vortragen können. Der Erfolg seines Alleingangs warf jedoch im Verhältnis Washingtons zu den Bundesgenossen heikle Probleme auf, die alle auf die Frage nach der rechten Mischung von Partnerschaft und Führung innerhalb der Allianz hinauslaufen. Andererseits hat Kennedy durch sein Vorgehen in der kubanischen Krise nicht vermocht, die alten Probleme, die zwischen Ost und West stehen, einer Lösung näher zu bringen.

Insofern haben die sieben Krisentage im Oktober die Grundregel jener pax atomica bestätigt, unter der die Welt seit 1955 unruhig lebt: Im Zeitalter der thermonuklearen Massenvernichtungswaffen kann keine Supermacht es wagen, um nebensächlicher Gewinne willen ihre nationale Existenz aufs Spiel zu setzen. Das heißt für beide Seiten: der Status quo ist gewaltsam nicht zu ändern. Die Bombe zwingt alle zur Vorsicht.

Die Kehrseite der Medaille ist freilich, daß die Bombe auch zur Selbstbescheidung zwingt. Sie engt den eigenen Aktionsraum ebenso ein wie den des Gegners. Als Mittel einer auch nur diplomatisch offensiven Politik ist sie untauglich. Sie zementiert den Status quo. Wo durch Interesse, Prestige oder Verpflichtung klare Linien gezogen sind, verwandeln sich diese Linien unter dem Baldachin der Atomraketen zu dauerhaften, unberührbaren Grenzen. Das ist der Preis, den die Mächte für den nuklearen Frieden bezahlen müssen.

In Kuba ist der Friede gewahrt worden. Er blieb erhalten, weil Chruschtschow kapitulierte, als Kennedys Entschlossenheit sichtbar wurde, es notfalls zum Äußersten kommen zu lassen – weil Chruschtschow sich also an die Grundregel der pax atomica hielt. Das ist beruhigend.

Allerdings hat die Kuba-Krise auch ihre beunruhigenden Aspekte. Einmal: Weshalb hat sich der Kremlherr überhaupt erst in das karibische Abenteuer gestürzt? Zum anderen: Warum haben die Amerikaner sich von dem sowjetischen Manöver überraschen lassen? Die Antwort ist in ihrer Eindeutigkeit erschreckend: Beide haben einander völlig verkannt. Chruschtschow glaubte nicht an die amerikanische Entschlossenheit zum Widerstand: die Amerikaner aber gingen von dem Vorurteil aus, daß die Sowjets niemals Raketen auf Kuba postieren würden. Jeder hatte sich also auf rationale Weise eine These zurechtgelegt, die in einem irrationalen Schluß gipfelte. Auch das ist denn eine Lehre, die sich aus dem Fall Kuba ergibt. Die Gefahr eines Zusammenstoßes erwächst nicht nur aus der technischen Beschaffenheit der modernen Waffen oder der Unvernunft ihrer Verwalter; sie erwächst aus dem reinen Vernunftdenken.

Derlei gefährliche Fehlkalkulationen mögen sich wiederholen – in Europa, in Afrika, in Asien; wenn nicht heute, dann morgen. Es steht dahin, ob sich das Äußerste stets wird vermeiden lassen.