Drohend stehen sie dort, unsterblich und nimmer veraltend.“ So besingt Homer die automatischen Puppen des göttlichen Schmiedes Hephästos. Mechanische Nachbildungen lebender Wesen haben stets neben der Bewunderung auch Unbehagen ausgelöst. Die fliegende hölzerne Taube des Archytas von Tarent, die tanzenden Gliederpuppen der Nürnberger Uhrmacher, der stählerne Roboter von Chikago, der seinen Konstrukteur erschlug, sind ihren Zeitgenossen ebenso unheimlich vorgekommen wie uns die Elektronenrechner, die Entscheidungen fällen und sich selbst reparieren können.

Die Griechen nutzten dieses Gefühl der Unsicherheit für ihre religiösen Zwecke. Wenn in den Tempeln Alexandrias die heiligen Feuer angezündet wurden, erklang das Hornsignal der steinernen Trompeter vor dem Heiligtum, und wie von Geisterhand bewegt öffneten sich die Tore. Über dem Opferfeuer hielten zwei Priester aus Erz segnend ihre Hände, aus denen gegen Ende des Gottesdienstes Wasser auf die Flammen strömte und sie zum Erlöschen brachte. Im Tempel standen die Gottestruhen, mechanische Weihwasserspender, auf denen ein metallener Vogel saß. Wenn die Gläubigen den Apparat betätigten, wurden sie mit einem feinen Strahl geweihten Wassers besprüht, der Vogel drehte sich und ließ einen „überirdischen Gesang“ erschallen. Inszeniert hat dieses phantastische Schauspiel Heron von Alexandria, der große Bastler der Antike, dem wir die Erfindung der Feuerspritze und des Kilometerzählers verdanken. Das heilige Feuer lieferte ihm die Energie, die er mit Räderwerken, Luft und Wasserpumpen in mechanische Bewegung verwandelte. Er hatte diese Kunst von Ktesibios, dem Erfinder des WC’s und anderer nützlicher Geräte gelernt. Von diesem ideenreichen Barbierssohn aus Alexandria stammt auch die Bezeichnung „automatos“ – Selbstbeweger. Er hatte entdeckt, daß Luft nicht leerer Raum, sondern Materie ist, und er nutzte diese Erkenntnis für seine pneumatischen Getriebe.

Philon von Byzanz stellte die ersten Münzautomaten auf, und ein Grieche, der etwa um das Jahr 70 v. Chr. gelebt haben muß, baute einen komplizierten Kalkulator, mit dem man astronomische Berechnungen anstellen konnte. Das Gerät dieses unbekannten Ingenieurs wurde um 1900 im Wrack eines antiken Schiffes entdeckt, auf das dodekanesische Schwammtaucher gestoßen waren, als sie in der Nähe der kleinen Insel Antikythera Schutz vor einem Sturm suchten. Zunächst interessierte sich niemand für die mit Kalk überkrusteten Zahnräder und Skalen, bis sie schließlich dem Kurator des griechischen Nationalmuseums auffielen. Der englische Naturwissenschaftler Derek J. de Solla Price hat vor einigen Jahren damit begonnen, die Arbeitsweise des „Mechanismus von Antikythera“ zu rekonstruieren. Der antike Kalkulator war kaum weniger kompliziert als Pascals Rechenmaschine.

In seiner Schrift über die mechanischen Probleme hat Aristoteles die Funktionselemente der antiken Technik sorgfältig aufgezählt, und vierhundert Jahre später faßte der Alexandriner Pappus noch einmal alles zusammen, was seinerzeit an mechanischen Hilfsmitteln zur Verfügung stand: Flaschenzüge, Katapulte, Räderwerke, hydraulische und pneumatische Antriebe. Danach aber scheinen die Selbstbeweger in Vergessenheit geraten zu sein, bis im 14. Jahrhundert mit dem Uhrmacherhandwerk die Kunst des Automatenbaues wieder zur Geltung und schließlich im Barock zu hoher Blüte kam.

Einer der gefeiertsten Automatenkonstrukteure war Jaques de Vocanson aus Grenoble. Bevor er sich der mechanischen Kunst widmete, hatte er in Paris Anatomie, Musik und Physik studiert. Dort präsentierte er der Akademie der Wissenschaften im Jahre 1738 drei höchst wundersame Figuren – einen Flötenspieler, einen Trommler und die Ente, die ihn berühmt gemacht hat. Das kupferne Tier konnte nicht nur mit den Flügeln schlagen, quaken und fressen, sondern auch seine Nahrung in verdautem Zustand wieder von sich geben. Goethe war von der Vocansonschen Ente, die er freilich in recht ramponiertem Zustand sah, nicht sonderlich beeindruckt. Der Automat funktionierte nicht mehr. Zu Vocansons Lebzeiten aber riefen die Apparate des genialen französischen Mechanikers großes Entzücken hervor.

Ihm ging es freilich um mehr. Er war von dem Gedanken besessen, künstliche Lebewesen zu erschaffen. Für Vocanson waren Pygmalion und Homunculus realisierbare Geschöpfe. Mit täuschenden Effekten gab er sich nicht zufrieden; er ließ seine Musikpuppen genauso spielen, wie es menschliche Musiker tun. Der Flötenspieler zum Beispiel mußte das Instrument im richtigen Winkel an die Lippen führen, damit die Luft, die aus dem Mund strömte, den Ton erzeugen konnte. Und die Finger der Puppe mußten die Löcher des Instruments exakt abdecken – Flötisten wissen, wie schwierig das ist. Damals kannte man noch nicht die mechanische Rickführkontrolle, die selbsttätig Korrekturen an diesen komplizierten Bewegungen ermöglicht hätte. Nach drei Jahren fleißigen Experimentierens sah Vocanson ein, daß er einem Phantom nachgejagt war. 1741 übernahm er eine Stellung als Direktor einer Seidenspinnerei und widmete sich fortan der Verbesserung und Automation von Spinngeräten. Sene kunstvollen Gliederpuppen verkaufte er an Schausteller, die damit durch die ganze Welt gezogen sind.

Die schreitenden und gestikulierenden Automaten der Antike, Wolfgang von Kempelens sprechende Puppen, die ihre Laute in sehr ähnlicher Weise artikulierten wie ein Mensch, die Holzfigur des Schweizer Tüftlers Pierre Jaquet-Droz, die jeden beliebigen Text zu schreiben vermag, und die vielen anderen kleinen und großen Roboter, die tanzen, musizieren, kopfstehen und allerlei andere Kunststückchen vollführen konnten, nehmen in der Geschichte der Technik eine Sonderstellung ein. Während die Ingenieure Maschinen bauten, mit denen einzelne Fähigkeiten des Menschen verstärkt werden – die körperlichen durch Flaschenzüge, Mikroskope, Dampfhämmer und Motorfahrzeuge und die geistigen durch Rechengeräte – oder die neue Möglichkeiten wie zum Beispiel das Fliegen erschließen, begnügten sich die Automatenbauer damit, Maschinen zu konstruieren, die nicht mehr leisten als der Mensch. Dafür aber wollten sie die Vielseitigkeit und Anpassungsfähigkeit organischen Lebens imitieren.