Von Nina Grunenberg

Amerika ist für das Deutsche Fernsehen das „Hinterland“, was Programmideen, England das „Musterländle“, was Organisationsformen betrifft. Die deutschen Rundfunkanstalten sind alle mehr oder weniger deutlich der BBC nachgebildet. Die Fernsehentwicklung hat sich, wenn auch mit Phasenverschiebung, genau parallel zum britischen Vorbild entwickelt... Deshalb ist es auch für Deutschland bemerkenswert, daß die Regierung in London in einem „Weißbuch“ die probeweise Einführung des Münzfernsehens genehmigt.

Als Sam Goldwyn, einer der bedeutendsten alten amerikanischen Filmproduzenten, vor ein paar Monaten seinen Geburtstag feierte, teilte er Freunden und Kollegen sein Credo mit: „Fernsehen“, sagte er, „ist bis jetzt das bedeutendste Massenmedium.“ Und beiläufig fügte er hinzu: „Es gibt gar keine Frage darüber, ob Münz-Fernsehen möglich ist. Die einzige Frage ist höchstens: Wann?“

Seitdem wetten die amerikanischen Fernseh- und Theatermanager um ihre Aktivposten von einigen hundert Millionen Dollar, daß Goldwyns Credo falsch ist. Und die größeren Filmproduzenten verwetten ihre Zukunft darauf, daß er recht hat. Beide sind miteinander darüber in erbitterte Kulissenkämpfe verstrickt: Die Filmproduzenten erhoffen sich vom Münz-Fernsehen als „Heimkino“ einen Absatzmarkt für ihre Neuproduktionen und für die Zukunft (die durch das herkömmliche Fernsehen düster aussah) eine mögliche Überlebenschance für „Papas Kino“.

In England ist die Situation ähnlich. „Man kann den Fortschritt nicht aufhalten“, teilte der Rank-Filmkonzern lakonisch mit und gründete mit einem Unternehmen für Drahtrundfunk und Drahtfernsehen die Firma „Choiceview“ (Wahlsehen) zur Vorbereitung des Münz-Fernsehens. Mit ihr bewerben sich noch drei andere private Gesellschaften, hinter denen ebenfalls finanzstarke Gruppen aus Filmindustrie und Wirtschaft stehen, um die Chance, den britischen Untertanen neben den Programmen der staatlichen BBC und der kommerziell betriebenen ITA eine zusätzliche Feierabendunterhaltung ins Haus zu liefern.

Die englischen Kinobesitzer kämpften währenddessen vergeblich um die Existenz ihrer Lichtspielhäuser: Nach langem Zögern und ursprünglicher Ablehnung durch den Pilkington-Ausschuß gab die britische Regierung den Münz-Fernseh-Gesellschaften jetzt das Startzeichen für einen ersten Versuch. Sie wurden ermächtigt, in verschiedenen Gegenden, einschließlich London, das Münz-Fernsehen auszuprobieren.

In Amerika und Kanada liegen die ersten Versuchsergebnisse des Münz-Systems bereits vor. Der ausführlichste Test wurde von der Paramount in einer Vorstadt von Toronto durchgeführt. Über eines sind sich die Initiatoren jetzt schon einig: Die Investitionskosten sind hoch, besonders wenn das Programm nicht durch Wellen, sondern per Draht übertragen wird. Die Gesellschaft in Toronto hat ausgerechnet, daß das Kabelnetz für ein Münz-Fernsehen in New York City 500 Millionen Dollar erfordern würde, der dazugehörige Fernseh-Drahtfunksender 1,5 Millionen Dollar.