In der Sowjetunion herrscht die Partei über Staat und Regierung. Es ist daher nicht erstaunlich, daß in der sowjetischen innenpolitischen Entwicklung im Jahre 1962 nicht etwa die Wahlen zum Obersten Sowjet und die Umbildung der (aus 71 Mitgliedern bestehenden) Sowjetregierung im Vordergrund stand. Viel wichtiger waren zwei entscheidende Tagungen des Zentralkomitees der Partei. Beide Konferenzen beschlossen so weitreichende Veränderungen im Staats-, Wirtschafts- und Parteiapparat, daß die für dieses Jahr in Aussicht gestellte neue Sowjetverfassung nicht verkündet werden konnte.

Die erste Reorganisation fand im März statt. Die Landwirtschaft war soweit gegenüber den proklamierten Zielen zurückgeblieben, daß sich das Zentralkomitee zu neuen Organisationsformen entschloß – in der Hoffnung, die Entwicklung der Landwirtschaft beschleunigen zu können. Territoriale „Sowchos-Kolchos-Verwaltungen“ wurden eingerichtet, die sich auf ein Heer von „Inspektoren-Organisationen“ stützen; sie sollen eine straffere Leitung der Sowjetgüter und Kolchose garantieren. Diesen Verwaltungen übergeordnet sind Landwirtschaftskomitees, die unter der Leitung des jeweiligen Parteisekretärs stehen – ein Zeichen, daß der Einfluß der Partei auf die Landwirtschaft verstärkt wurde. Für den einfachen Sowjetmenschen freilich wurde dieses Ereignis überschattet durch die Preiserhöhungen, die im Mai bekanntgegeben wurde. Sie machen bei Fleisch und anderen wichtigen Nahrungsmitteln 30 Prozent aus.

Die zweite, noch bedeutendere Organisationsreform galt der Industrie und Planung. Schon Monate lang war darüber in kleineren Kreisen diskutiert worden. Im September, nachdem Professor Lieberman seine Reformvorlage vorgebracht hatte, fand eine öffentliche Diskussion über Wirtschaftsfragen statt. Die Vorschläge der Sowjetökonomen – die detaillierte Planung von oben drastisch zu beschränken, den Betrieben und Unternehmen größere Autonomie zu geben und die Rentabilität in den Mittelpunkt zu stellen –, fanden jedoch bei der Novembertagung des Zentralkomitees nur geringen Widerhall. Das Zentralkomitee beschloß vielmehr, die Partei mehr als bisher auf praktische Wirtschaftsaufgaben zu orientieren. Der gesamte Partei- und Staatsapparat wurde aufgeteilt: ein Teil ist für die Industrie, der andere für die Landwirtschaft verantwortlich. Die 104 Volkswirtschaftsräte werden zu größeren Wirtschaftseinheiten zusammengefaßt, die bisher getrennte Staats- und Parteikontrolle in einem Organ vereint.

Auf ideologischem Gebiet stand das Jahr 1962 im Zeichen einer weiteren Abgrenzung von der Stalin-Ära. Die parteioffiziellen Schriften beschränkten ihre Kritik nicht nur, wie bis dahin üblich, auf die Zeit nach 1934, sondern verurteilten nun auch die Methoden der stalinschen Zwangskollektivierung (1929–1939) und Stalins recht schmähliche Rolle während der Revolution von 1917. Selbst Stalins Schwankungen in internen Parteidebatten von 1908–1909 wurden ausgegraben. Neue erschütternde Einzelheiten über Stalins Säuberungen erschienen in der Presse, und die Rehabilitierung der Opfer Stalins wurde nun auch auf so prominente Stalin-Gegner wie Bucharm, Radek, Pjatakow, Tomsky und Rykow ausgedehnt.

Die im Herbst 1959 erschienene neue Parteigeschichte mußte umgeschrieben werden. Auch in der Literatur fanden die Schrecken der Stalin-Ära ihren Ausdruck.

Die verschärfte Kritik an Stalin war auch ein Zeichen für die wachsende Kluft zwischen Moskau und dem von Peking geführten pro-stalinistischen Flügel. Nach einem kurzen, vorübergehenden „Tauwetter“ im Frühjahr, verschärfte sich der Konflikt mit jedem Monat. Die Aufnahme der Mongolei in den Comecon (auf der Tagung war China nicht einmal durch einen Beobachter vertreten), die Schließung der sowjetischen Konsulate in Charbin und Mukden, die Pressepolemik im Sommer machten diese Entwicklung deutlich Durch die Reise des sowjetischen Staatspräsidenten Breshnew nach Jugoslawien im September wurde die Kluft soweit vertieft, daß am 13. Oktober die albanische Parteiführung zum erstenmal davon sprach, daß eine Spaltung des Weltkommunismus notwendig sei.

Die chinesische Aggression gegen Indien (die von Moskau nicht unterstützt wurde), und das sowjetische Einlenken in Kuba (von Peking als „neues München“ gebrandmarkt), führten zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen der Moskauer und der Pekinger Richtung. Tito wurde in der Sowjetunion von Chruschtschow freundlich empfangen und durfte sogar auf einer Tagung des Obersten Sowjets sprechen. Der Riß im Weltkommunismus trat deutlicher denn je zutage. Wolf gang Leonhard