/ Von Eka von Merveldt

Zuerst rast der Landrover über harten Sand in die helle Unendlichkeit. Er bahnt sich auf der freien Fläche seinen eigenen Weg – im 100-Kilometer-Tempo. „Wir wollen die Fahrt abkürzen und erst später die anstrengende Piste im Wadi al Ajal erreichen“, sagt Ayub, der Archäologe. Als der Sand heller wird, zieht er den Kompaß aus der Tasche und winkt dem Fahrer die Richtung: nach Süden. Nichts Lebendiges ist weit und breit zu sehen. Unvermittelt erkennen wir in der Mondlandschaft die Köpfe von Dattelpalmen. Wir preschen eine Böschung hinunter, es ist höchste Zeit, der Sand rutscht.

Bald rumpeln wir über die geriffelte Piste, über rohes Gestein. Im „Schicksalstal“. Vor uns die Endlosigkeit der dunklen Steinwüste. Auf der einen Seite ist das spärlich grüne Schicksalstal mit seinen hohen Dattelpalmen von Sanddünen begrenzt, auf der anderen Seite ragt kilometerlang eine Gebirgswand auf, und Hunderte von Gräbern, die Ausgräber in der nackten Landschaft offen liegen ließen, säumen die Straßen. Es war der Karawanendurchgang der Händler, der Krieger und der Sklaven, die zum Markte getrieben wurden. Noch kurz vor dem Wiener Kongreß, auf dem die Sklaverei aufgehoben wurde, versuchten amerikanische Schiffe ihren Weg nach Tripolis zu erzwingen, der ihnen verwehrt wurde, weil der junge amerikanische Staat nicht den erhöhten Tribut an die Herrscher von Algier, Tunis und Tripolis zahlen wollte. „Von den Hallen von Montesuma zu den Küsten von Tripolis“ singt noch heute die US-Marine.

Spuren nach Germa

Steine, Steine. „Sehen Sie dort die Pyramiden? Es sind Königsgräber“, ruft Ayub und versucht das Dröhnen des holpernden Landrovers zu überbieten. Erst als wir davorstehen, erkenne ich unordentlich geschichtete kleine Steinhaufen. Auch die neuen Ausgrabungen der zum Teil schon ausgeraubten Gräber von El Kharek haben noch nicht viel Licht in das Dunkel gebracht, das sie seit Jahrhunderten umgibt. 25 Könige und 135 Königinnen wurden hier beigesetzt. Doch von wem? Sind es die „ältesten Pyramiden der Welt“, wie es in dem ersten großzügig aufgemachten Prospekt „Realita e Photo – Wahrheiten und Bilder aus dem Fessan 1962“ heißt? Älter als die ägyptischen?

Die Spuren weisen nach Germa, der alten Hauptstadt der Garamanten, die schon Herodot erwähnte und nach denen Leo Frobenius forschte; sie gibt der Archäologie bis heute Rätsel auf. Nahe der von Menschen verlassenen Geisterstadt ragt ein Denkmal aus großen Quadersteinen aus der weiten felsigen Ebene. „Das Grab der vier römischen Kaufleute“ wurde es lange genannt. Heute ist das zweifelhaft geworden. Zwar waren die Römer so weit in der Wüste, um die Garamantenstädte zu besiegen und zu plündern, aber die Garamanten hatten damals um das Jahr Null und Jahrhunderte vorher schon Verbindung mit den Phöniziern, den Ägyptern, vielleicht auch den Griechen. Sie besaßen schon Streitwagen mir Pferden, wie man aus Felsbildern im Fessan erkannte. Das Monument zeigt phönizische Einflüsse. Wer hier vorbeikommt, steht staunend vor dem einfachen Steinblock mit den Kritzeleien vieler, die vorher da waren. Der Turm sieht wie der Sockel eines europäischen Reiterstandbildes aus, weit und breit seit nun tausend Jahren und bis heute das einzige Zeichen einer kunstvollen Bauweise.

Von hier aus waren wir in ein paar Minuten in Germa. Als der deutsche Forscher Heinrich Barth im vorigen Jahrhundert hierher kam, war die primitive Lehmstadt im dichten Palmenwald noch voller Leben. 1935 wurde sie von den Italienern geräumt. Wegen der Malaria. Das so ersehnte Wasser, das die verfallenen Mauern umgibt, war hier tödlich. Nur noch dreißig Familien wohnen in der Nähe in unscheinbaren Hütten. Die Türken hatten diese Stadt aus Schlammsteinen gebaut, in der ein Statthalter herrschte. Wir kletterten in seinem turmgekrönten, staubigen Palast herum und kämpften gegen die Fliegen. Sie scheinen intelligent zu sein im Fessan. Dicht gedrängt wie ein Schild saßen sie, während wir um uns schlugen, grünschillernd auf unseren Rücken, um sich auszuruhen.