Von Gerhard R. Pätzig

Nun also gehöre ich zu ihnen, als sehr laienhafter Anfänger zwar, aber die ganze Sache macht mir doch mächtig Spaß. Nur wenige, aber alles ernsthaft interessierte Leute nahmen teil an dem Lehrgang, der in die Kunst des Handpuppenspiels einführte und den ich soeben absolviert habe. Wem ich von meiner Kasperlepuppe vorschwärme, der lächelt zunächst ein wenig nachsichtig, fragt mich aber zugleich sehr wißbegierig aus. Schließlich deute ich eine kleine Soloszene an und – darf so schnell nicht wieder. aufhören.

Wirklich, es geht eine merkwürdige Magie von solch einem kleinen Kasperle aus. Verschmitzt lachend setzt sich die Menschenimitation über alle Unbilden unseres Lebens hinweg, meisten sie und kann womöglich noch aus einem Griesgram einen frohen Menschen machen. Bis jetzt wenigstens haben noch alle über Kaspers Mutterwitz und seine unorthodoxe Philosophie gelacht. Man sollte ihn in gewichtigen Konferenzen und anderen hochernsten Geschäftsangelegenheiten der „Großen“ ein Wörtchen mitreden lassen. Nicht auszudenken, was Kasper im Weißen Haus und im Kreml anstellen könnte, als modernere Variante des Hofnarren klassischer Despoten – ich glaube, unser Dasein wäre um ein gut Teil erfreulicher. Die Berufspuppenspieler wissen das längst und sind darum in ihrer Art so etwas wie eine Gilde schätzenswerter Weltverbesserer geworden.

Natürlich lassen sie ihre erwachsenen Zuschauer nicht „Seid ihr alle da?“ jubeln oder zeigen Rauf- und Totschlagszenen vom Rummelplatztheater. Ein richtiger „kammermusikalischer“ Kasper macht mitunter sogar nur eine Pantomime. Allein solch ein Stückchen von einer renommierten Puppenbühne zu sehen, würde zum Mitkaspern verlocken – doch ich bin auf ganz anderem Wege dazu gekommen.

Die Geschichte begann an einem völlig verregneten Urlaubstag. Eine Runde nach der anderen spielten die Gäste in einer Ferienpension Menschärgere-dich-nicht oder Dame oder Mühle; doch bald drohte Langeweile auszubrechen. Da fiel plötzlich bei den Kindern das Stichwort: Wir spielen Kaspertheater. Schnell wurde eine Bühne „gebaut“, ein schlichtes Taschentuch mit einem Knoten ist der Kasper, allerlei andere Utensilien, eine Zahnbürste, ein Holzquirl sind die Mitwirkenden ...

Gewiß war es keine glanzvolle Premiere – aber gerade deshalb nahm ich mir vor, für ähnliche Situationen besser vorbereitet zu sein. Auf der Heimreise kaufte ich an einem Bahnhofskiosk ein Taschenbüchlein mit Stücken für die Puppenbühne, darin auch eines, das sich bei einigen Strichen zur Not von einem einzelnen Spieler bewältigen läßt. Daneben erfuhr ich aus dem ausführlichen Vorwort zum erstenmal in meinem Leben überhaupt etwas vom künstlerischen Puppentheater und seiner geschichtlichen Entwicklung, angefangen von den alten Chinesen, Ägyptern, Griechen, bis zur „sowohl seriösen als lächerlichen Aktion von dem ruchlosen Leben und er erschröcklichen Ende des Erzzauberers Doktor Johannis Fausti“, die um 1755 in Frankfurt den jungen Goethe so nachhaltig beeindruckt hat. Ich lese zwei Stücke von Max Jacob, dem Begründer der hervorragenden „Hohnsteiner Puppenspiele“. Er hat eine köstliche Art, den Kasper reden und reagieren zu lassen; sein durch Improvisation erweiterter Aufführungsstil reizte mich sehr. Die Neugier, noch mehr über diese Materie zu erfahren, ließ mich in der Städtischen Bücherei weitere Schriften finden, und der Artikel „Puppentheater“ im Großen Brockhaus belehrte mich, daß sogar mehrere Dissertationen über dieses Thema geschrieben worden sind. Es gibt mithin echte „Puppen-Doktoren“!

Ausgerüstet mit theoretischem Wissen, suchte ich durch die ganze Stadt nach geschmackvoll gearbeiteten Puppen. Die Spielzeugkasper für 1,95 Mark sehen scheußlich aus, die Stoffpuppen sind schon brauchbarer – ich aber suche die guten, alten traditionellen Holzköpfe. „Meinen“ Kasper entdeckte ich in einem Kunstgewerbeladen. Die Verkäuferin mag mir verblüfft nachgeschaut haben, als ich mit ihrem gesamten Puppen-Sortiment freudestrahlend den Laden verließ.