(I) Bericht über ein gesellschaftspolitisches Experiment

Von Fritz Voigt

Die Nationalökonomie geht in ihrer Lehre, ihren Modellbetrachtungen sowie in ihren Analysen der Wirklichkeit in der Regel nach wie vor davon aus, daß in einer Marktwirtschaft „der“ Unternehmer alle Entwicklungsprozesse einleitet, vorwärtstreibt und formt. Durchweg wird angenommen, daß alle unternehmerischen Entscheidungen sich an einem einzigen Leitziel, der Maximierung des Gewinns ausrichten und daß zu diesem Zweck versucht wird, die Kosten für die Produktion von Gütern und Dienstleistungen möglichst gering zu halten. Nur die Verfolgung dieses Ziels sichere, so wird gelehrt, die Maximierung des Sozialprodukts.

Der Wissenschaft wie auch der Öffentlichkeit ist aber noch nicht genügend bewußt geworden, daß zumindest in einigen Bereichen unserer Wirtschaft diese Grundannahme nicht mehr den tatsächlichen Gegebenheiten entspricht und daß daher die Untersuchungen der Wirklichkeit, die weiterhin von ihr ausgehen, in mancher Hinsicht nur noch wenig Aussagewert haben. Aber oft bleiben Dogmen der Theorie erstaunlich lange lebendig und sind dann geeignet, die Erkenntnis der Wirklichkeit zu trüben.

Die Wandlungen der Struktur und der Willensbildung der Unternehmen, die sich hauptsächlich im Kernbereich der Industrialisierung vollzogen und die zur Folge hatten, daß zahlreiche nationalökonomische Modellannahmen nicht mehr den veränderten Gegebenheiten entsprechen, wurden insbesondere durch die qualifizierte Mitbestimmung, die auf Grund des Mitbestimmungsgesetzes von 1951 und des Mitbestimmungsergänzungsgesetzes von 1956 (die sogenannte Holding-Novelle) im Kohle- und Eisenerzbergbau und in der Eisen und Stahl erzeugenden Industrie eingeführt wurden, weiter vorangetrieben. Aber auch in einigen Bereichen mit einfacher Mitbestimmung, Bereichen also, die ausschließlich dem Betriebsverfassungsgesetz unterliegen, haben sich seit einem Jahrzehnt beachtliche Veränderungen dieser Art ergeben. Der Umfang dieser Wandlungen läßt erkennen, daß die Mitbestimmung der Arbeitnehmer nicht nur auf den sozialen Bereich einwirkt, sondern auf dem Wege über die Beeinflussung der Willensbildung der Unternehmen auch auf volkswirtschaftliche Kreislaufgrößen und Entwicklungsprozesse.

Damit könnte ein Ziel erreicht sein, das fortschrittliche Sozialpolitiker, wenn auch nicht immer in dieser konkreten Form, so aber doch in dieser Richtung, erstrebt haben. Ob jedoch die Mitbestimmung in der Konstruktion, wie sie – sich in den vergangenen Jahren in der Bundesrepublik Deutschland herausgebildet hat, schon uneingeschränkt als ein sozialer Fortschritt anzusehen ist, läßt sich heute, obgleich mehr als ein Jahrzehnt seit Inkrafttreten der Gesetze verstrichen ist, noch nicht endgültig entscheiden.