St. Georgen

In Südbaden braut sich ein zweiter Fall Marcello zusammen. Der Fall Marcello? In Baden-Württemberg eine überflüssige Frage! In Ministerien und Gerichten ist Dr. Marcello berüchtigt als das Enfant terrible der Kor munalpolitik, in den Ratshäusern berühmt als ein juristischer Künstler, der souverän auf der Klaviatur der Paragraphen, von der Gemeindeordnung bis zum Grundgesetz, zu spielen weiß, in weiten Kreisen bekannt als „der teuerste Bürgermeister Deutschlands“.

Dr. Ernst Marcello war neun Jahre lang Bürgermeister von Kehl, der deutschen Nachbarstadt von Straßburg, aber alles in allem nur zwei Jahre davon im Amt. Die Prozesse, die der Jurist Dr. Marcello vor allem um seine Stellung und sein Gehalt geführt hat, reichen bis in die jüngste Zeit – unmöglich, sie alle aufzuzählen. Einige hat er verloren, andere gewonnen; sein entscheidender Sieg aber: formell blieb er bis zum ordnungsgemäßen Ablauf seiner Amtsperiode im Jahr 1960 Bürgermeister von Kehl. Nur die Stichworte: im Juli 1951 wurde er, vordem Regierungsrat im südbadischen Innenministerium, zum Oberhaupt von Kehl gewählt. Bald schon begannen Streitigkeiten mit dem Gemeinderat, nach Marcellos Äußerung „Gipsköpfen“ und „armen Würstchen“. Eine Dienstbeschwerde der Stadträte wurde als unbegründet abgewiesen. Weil sich der Bürgermeister weigerte abzudanken, trat der Gemeinderat fast geschlossen zurück.

Ein anderer Gemeinderat wurde gewählt – wieder Auseinandersetzungen, daraufhin im September 1952 Suspendierung Dr. Marcellos durch das Regierungspräsidium, Prozesse, ein Vergleich in Aussicht: mit einem Scheck über 40 000 Mark in der Tasche und der Zusicherung, Marcello in den Staatsdienst zu übernehmen, verhandelte ein Abgesandter des Regierungspräsidiums mit dem selbstbewußten Bürgermeister; die Verhandlungen scheiterten; zudem war das Innenministerium gegen den Scheck. Prozesse wegen Gehaltskürzung, Abschluß eines Dienststrafverfahrens mit dem Ergebnis: siegreiche Rückkehr Dr. Marcellos auf den Bürgermeisterstuhl im Jahr 1957, Prozesse, neue Spannungen mit dem Gemeinderat. Marcello war kurz vor Beginn einer Gemeinderatssitzung ohne Benachrichtigung dienstlich verreist, zudem fuhr er später ausgerechnet in der Zeit der Haushaltsberatungen in Urlaub. Abermalige Suspendierung im Jahr 1958, Prozesse, und endlich, im Jahr 1960, war über alledem Marcellos Amtszeit herumgegangen. Vier Bewerber um den Posten, unter ihnen Dr. Marcello – sein Wahlschlager: eine Ausstellung mit dem Titel „Marcello in der Presse“. Aber fast zwei Drittel der Stimmen erhielt sein kommissarischer Vertreter, der Staatsbeauftragte Dr. Trudbert Müller; auf den jetzt 54 Jahre alten Dr. Marcello, der nun als Rechtsanwalt praktiziert, entfiel immerhin beinahe ein Drittel der Stimmen.

Diese Geschichte muß man kennen, wenn man ermessen will, was der Schwarzwaldstadt St. Georgen bevorsteht. Hier hat die kommunalpolitische Farce erst im Jahre 1962 begonnen. Wenn man freilich die Exposition hinzurechnet, vor bald fünf Jahren. 1957 hatte sich dort der Bürgermeister Riemensperger im Alter von 67 Jahren zur Ruhe gesetzt. Es bewarb sich der Bürgermeister der kleinen Stadt Heubach im Kreis Schwäbisch Gmünd, Paul Leuchtenmacher. Die über 10 000 Einwohner zählende, freundliche Industriestadt ohne Schornsteine, St. Georgen, verhieß ein reiches Tummelfeld bürgermeisterlicher Aktivität. Leuchtenmacher wurde gewählt – zu einem der wenigen, wenn nicht sogar dem einzigen württembergischen Stadtoberhaupt in Südbaden. Aber Leuchtenmacher, so warfen ihm später die Stadtväter vor, beschränkte seine Aktivität nicht auf Baulanderschließung und ein schöneres Leben der St. Georgener. Das „Dolce vita“ ihres jetzt 43 Jahre alten Bürgermeisters mißfiel dem Gemeinderat sehr. Aus dem Mißvergnügen wurde ein Protest; der Gemeinderat trat regelrecht in den Streik. Man einigte sich – der Fall Marcello mit der schrecklichen, der bürgermeisterlosen Zeit stand als warnendes Menetekel an den Mauern des Rathauses –, und zwar dergestalt, daß Leuchtenmacher nach viereinhalbjähriger Amtszeit ehrenvoll aus kommunalen Diensten schied und ihm der Gemeinderat mit einem Griff in die Stadtkasse 45 000 Mark auf den Weg gab. Das deuchte die Stadträte immer noch billiger als jahrelanges Prozessieren und Weiterzahlung des Gehaltes wie in Kehl.

Zur neuen Wahl – so beliebt ist St. Georgen – hatten sich nicht weniger als 13 Kandidaten beworben. Abergläubische Naturen behielten recht: keiner der dreizehn wurde gewählt, so daß ein neuer Wahlgang erforderlich war. Aber es hatte sich bei dieser ersten Wahl gezeigt, daß die St. Georgener ihrem Leuchtenmacher offenbar nicht so gram waren wie der Gemeinderat. Obwohl er, dem Gentlemen’s agreement mit den 45 000 Mark entsprechend, nicht kandidiert hatte, bekam er 200 Stimmen. Das muß ihn derart erfreut haben, daß er sich wenige Tage vor dem zweiten Wahlgang dem Ruf des Volkes nicht verschloß, das da Wahlparolen verbreitete wie: „Halt’s Maul und wähl den Paul!“ Paul Leuchtenmacher, 45 000 Mark Abfindung in der Tasche, kandidierte – 9 der 13 Kandidaten hatten aufgegeben – und wurde, wenn auch mit knappem Vorsprung, richtig gewählt. Die Nachricht von seinem Wahlsieg erreichte ihn bei einem Musikfest.

Die Stadträte, aber auch Bürger der Stadt, wetterten, Leuchtenmacher habe gegen Treu und Glauben verstoßen, und erklärten kurzerhand die Wahl für ungültig. Als weiteren Grund führten sie an, Leuchtenmacher habe die Wähler durch ein am Abend vor der Wahl verbreitetes Flugblatt getäuscht. Auf den Widerspruch des Bürgermeisters bestätigte das Landratsamt die Entscheidung des Gemeinderates und auch den Vorwurf, daß Leuchtenmacher die Wahl mit falschen Behauptungen beeinflußt habe. Er habe nämlich verkündet, ein ihm angedrohtes Dienststrafverfahren könne nicht mehr eingeleitet werden, weil der Gemeinderat darauf verzichtet habe; richtig sei, daß für ein solches Verfahren einzig und allein das Landratsamt zuständig sei.