Von Hans Graf Lehndorff

Viele Reden werden im Laufe des Jahres gehalten, doch kaum eine, die man noch einmal hören möchte. Eine Ansprache des Jahres 1962 aber halten wir für so wesentlich, daß wir sie an dieser Stelle abdrucken. Es sind die Worte, die Hans Graf Lehndorff, Autor des „Ostpreußischen Tagebuches“, in der Frankfurter Paulskirche zum Tag der Heimat 1962 gesprochen hat.

Was ist das doch für eine trostlose Welt, in der wir leben“, sagte mir kürzlich ein wohlhabender Mann, der mit seinem Mercedes gerade von einer erfolgreichen Geschäftsreise ins Ausland zurückgekehrt war. Aufs höchste überrascht über diese Bemerkung fragte ich ihn, was er für seine Person denn eigentlich noch vermißte. Seine Antwort: Daß es nichts gäbe, wofür man sich begeistern könne; daß unter den Menschen nur Geld, Geschäft und Fortkommen eine Rolle spielten – alles Dinge, die dazu angetan seien, die Menschen einander zu entfremden, statt sie zusammenzubringen.

Als ich das hörte, konnte ich nicht umhin, mich zu fragen, ob wir Heimatvertriebenen nicht in erster Linie dazu vorbereitet und berufen wären, den Kampf gegen diese Trostlosigkeit aufzunehmen. Wir haben es ja doch erfahren, daß man auch ohne Besitz leben kann, ja, daß man in besitzlosen Zeiten sogar ein innerlich freierer und glücklicherer Mensch sein kann, als im allgemeinen Wohlstand. Sollten wir nicht alles daransetzen, uns in dieser Zeit des Wettrennens um den größten Gewinn etwas von unserer erprobten Unabhängigkeit zu bewahren? Sind wir nicht geradezu prädestiniert dazu, durch unser Verhalten dem Eigentum gegenüber zu beweisen, daß es noch etwas anderes gibt als Wohlstand, Fortkommen und Ellenbogengebrauch – nämlich ein deutsches Volk, in dem der eine nicht ohne den anderen froh werden kann, ein Volk, das unter seiner Zertrennung wirklich leidet und das darüber hinaus auch noch Augen und Herz hat für die Not und die Probleme der Welt.

So dankbar wir einerseits für das sogenannte Wirtschaftswunder sein dürfen – etwas ganz Wesentliches hat es leider im Keime erstickt, nämlich die Selbstbesinnung, die nach dem Zusammenbruch Deutschlands aufzubrechen schien und aus der allein eine wirkliche Erneuerung unseres schwer geschlagenen Volkes hätte erwachsen können. Nun aber ist alles mehr oder weniger beim alten geblieben. Die Schäden sind nicht geheilt, sondern nur übertüncht worden. Unsere Welt ist äußerlich zwar modern zu nennen, innerlich aber bietet sie keine geistige Grundlage für einen Aufbau, der den Stürmen unseres Zeitalters Widerstand zu leisten imstande wäre. Das wissen wir im Grunde alle und haben deshalb Angst vor der Zukunft. Denn Angst vor der Zukunft ist nichts anderes als ein Zeichen dafür, daß man die Gegenwart nicht meistert.

Auch heute geht es noch immer um die Gesundung unseres Volkes von schwerer Krankheit. Es geht um die Gewinnung von Land, von Inseln inmitten des Stromes der Oberflächlichkeit und Gleichgültigkeit, in dem wir schwimmen, und nicht um die Wiedergewinnung verlorener Territorien. Wir reden und hören so viel von Selbstbestimmung und Freiheit. Meine Frage ist, ob das nicht leere Worte sind, solange wir sie nur im politischen Bereich laut werden lassen. Ist nicht jeder von uns erst einmal selber gefragt, ob er in der Lage ist, seine Freiheit in der rechten Weise zu bewahren, sein Leben so zu bestimmen, daß es ein nützliches und menschenwürdiges Leben wird? Ich muß sagen: mir bangt vor Freiheit und Selbstbestimmung, solange diese Voraussetzungen nicht garantiert sind.

Angesichts der ungeheuren, noch nie dagewesenen Bedrohung, unter der die ganze bewohnte Erde in unseren Tagen steht, erscheint mir jedes Schlagwort und alles, was nach Forderung aussieht, fehl am Platze. Wir Menschen sind es, von denen etwas gefordert wird. Wir sind es, die nach etwas gefragt sind, nämlich nach unserem Menschsein. Und wir Deutsche ganz besonders, denn wir haben in dieser Hinsicht viel nachzuholen.