Von Edmund Wolf

Kassandra prophezeite den Untergang einer Stadt. Aldous Huxley sagt mit ebenso guten prophetischen Erfolgschancen den Untergang der .Welt voraus. Das ist das Maß unseres Fortschritts.

Was die Quantität betrifft, sind wir kolossale Kerle. Um Quantitäten ging es auch Aldous Huxley, dem fast erblindeten Seher, bei dem Treffen von 120 Philosophen und Wissenschaftlern, das vor kurzem in Santa Barbara unter den Auspizien des Centre for the Study of Democratic Institutions stattfand.

Der Pessimismus der versammelten 120 verfinsterte die grelle Sonne von Kalifornien. Seinem Eröffnungsvortrag hätte Huxley denselben Titel geben können, den vor einigen Wochen, bei dem Philosophenkongreß in Münster, Karl Loewith dem seinen gab: Fortschritt als Verhängnis. Huxleys Thema war nicht Weltuntergang durch H-Bomben-Explosion, sondern Untergang der Welt, wie wir sie kennen, durch Bevölkerungsexplosion. Seins Verkündung lautet: Im Jahr 2000 schon wird sich die Bevölkerung der Erde verdoppelt haben, von 3 Milliarden auf 6 Milliarden – „wenn nicht etwas entsetzlich Böses geschieht oder etwas wunderbar Gutes“.

Am schnellsten vermehren sich die ärmsten Völker, Indien wird in 28 Jahren doppelt soviele Menschen zählen wie heute, Südamerika in 23 Jahren. Technologie hat den armen Ländern nur „durch Rundfunk und Kino das appetitanregende Wissen vom Reichtum anderer“ gegeben, dieses Wissen erzeugt „neidische Begierden“, die zur Enttäuschung verurteilt sind, und es ist ein kurzer Weg von solcher Massenenttäuschung zum Chaos und von da zum einzigen Ausweg: Unterdrückung durch Diktatur. Aber in einer Welt, die im Zeichen hemmungslosen wissenschaftlichen Fortschritts, der Bevölkerungsexplosion und des Wettrüstens steht, werden sich auch entwickelte demokratische Systeme nicht behaupten können. Soweit Huxley.

Zum Lachen? Zum Weinen? Huxley gab sich nicht poetisch-prophetisch, sondern mathematische statistisch – und unter den versammelten Koryphäen bezweifelte niemand seine Zahlen und fand niemand seine Schlußfolgerungen zum Lachen.

Was Aldous Huxley und so viele andere heute sehen und sagen, sagte vor achtzig Jahren (als das Dogma vom allein-seligmachenden Fortschritt noch blühte) Dostojewskijs, oder Iwan Karamasows, Groß-Inquisitor: „... der freie Geist, die freie Wissenschaft werden die Menschen in einen solchen Dschungel führen, Angesicht zu Angesicht vor solche Schrecken, vor so unlösbare Rätsel stellen... daß sie gekrochen kommen und zu unsern Füßen rufen werden: .. Rette uns vor uns selbst!‘“