H. W., Flensburg

In diesen Tagen soll im Prozeß gegen den früheren SS-Sturmbannführer Martin Fellenz aus Schleswig – 1942 Stabsführer beim SS- und Polizeiführer im Distrikt Krakau – das Urteil verkündet werden. Fellenz hatte sich seit dem 14. November des vergangenen Jahres vor dem Flensburger Schwurgericht wegen 40 000 fachen Judenmordes zu verantworten. Nun hat der Vertreter der Anklagebehörde in einem sechsstündigen Plädoyer die Strafanträge gegen den 53jährigen ehemaligen SS-Führer gestellt: Er beantragte gegen Fellenz wegen Mittäterschaft zum Judenmord und wegen Mordes aus Rassenhaß lebenslänglich Zuchthaus und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit.

Damit können zunächst einmal die Akten über einen Prozeß geschlossen werden, der wohl zu den größten der letzten Jahre im Bundesgebiet gehört. Es war ein Prozeß, in dem einige Wochen lang Tag für Tag der brutalste Massenmord verhandelt wurde, den die neuere deutsche Geschichte kennt: die systematische Ausrottung der Juden im Generalgouvernement. Eine Aktion, in deren Verlauf von den dreieinhalb Millionen jüdischer Einwohner des sogenannten Generalgouvernements zwei Millionen vernichtet wurden. Erschossen, erschlagen, vergast. Aber es waren nur wenige, die von diesem Prozeß überhaupt Notiz nahmen. Die Zuhörerbänke im Flensburger Schwurgerichtssaal waren oft leer.

So waren es auch nur wenige, die von der Erbitterung der Zeugen ergriffen wurden, die nach so langer Zeit nun plötzlich einem Mann gegenüberstanden, der zwar nicht alleinschuldig, aber mitschuldig war an dem Tod ihrer Eltern, Kinder, Männer und Frauen. „Sie waren alle gleich“, formulierte es einer von ihnen, als er nach dem Unterschied von Sicherheitspolizei und Sicherheitsdienst gefragt wurde. „Sie trugen alle die gleiche Uniform. Sie haben alle geschossen, ohne Ausnahme. Ob sie Fellenz hießen oder anders ...“

Dennoch aber war es bemerkenswert, daß die erschütterndsten Aussagen von jenen Zeugen kamen, die in jenen Monaten des Jahres 1942, als Hitler die „Endlösung der Judenfrage“ befahl, alle ihre Angehörigen verloren und als einzige am Leben geblieben waren: Sie verwünschten nicht, sie klagten nicht an, sie berichteten nur, ruhig und sachlich. Nur manchmal überwältigte sie die Erinnerung, und sie konnten nicht weitersprechen.

Nur einer blieb von ihren Schilderungen unberührt: der Angeklagte. Er sei nur ein „kleines Rädchen“ im Getriebe jener Organisation gewesen, die damals im Generalgouvernement einen Polizeistaat aufrichtete, verteidigte sich Fellenz. Bei all den ihm vorgeworfenen Verbrechen sei er nur „Beobachter“ gewesen, „Berichterstatter“, nicht mehr. In den Fällen, in denen man ihn eigenhändige Erschießungen von Juden vorgeworfen habe, könne und müsse es sich um eine Verwechslung handeln. Denn er habe niemals seine Waffe auch nur gegen einen einzigen Juden erhoben. Das eine war richtig: Martin Fellenz war nicht der entscheidende Mann in der SS- und Polizeiorganisation des Generalgouvernements. Er war „nur“ Stabsführer.

Zu den Aufgaben der SS- und Polizeikommandeure gehörte die sogenannte „Aussiedlung der Juden“. Unter diesem Tarnnamen vollzog sich die Vernichtung und Ausrottung von zwei Millionen jüdischer Menschen. Aussiedlung hieß: zunächst Verbleiben der Arbeitsfähigen im Getto. Abtransport der unter 18 Jahre und über 35 Jahre alten Männer, Frauen sowie der Kinder in die großen Vernichtungslager von Auschwitz, Maidanek und Belzec. Jene, die krank oder in alt waren, wurden an Ort und Stelle oder auf den jüdischen Friedhöfen „liquidiert“.