Von Eckhart Schmidt

und Alexander Kaempfe

Kein Denkmal steht am Babij Jar, kein Stein.

Ein steiler Abhang, eine tiefe Grube.

Ich habe Angst. Ich fühle mich so alt,

So tausendjährig wie das Volk der Juden.

Ich ziehe trostlos durchs Ägypterland.

Ich muß das harte Los der Juden tragen.

Ich sterbe, an das Marterkreuz geschlagen;

Die Spur der Nägel sieht man mir noch an.

Dreyfus bin ich, ein jüdisches Gesicht.

Der Spießer wühlt, der Spießer hält Gericht.

Gefängnisgitter – ich bin eingekreist,

Ich bin gehetzt, bin angespuckt, verleumdet,

Und Dämchen kommen an, mit Spitzensäumen,

Mit Sonnenschirmen – mir gilt ihr Gekreisch.

Ich bin in Bialystok. Ein Judenknabe,

Das Blut schlägt hart am Bretterboden auf.

Zehn Führer brüllen, zwanzig Fäuste schlagen.

Der stinkt nach Zwiebeln, der stößt Wodka auf.

Ein Stiefel wirft mich hilflos in die Ecke.

Ich flehe: Gnade! – Sie sehn finster drein.

Ein Fleischer gröhlt: „Hoch Rußland! Jud verrecke!“

Und drischt besinnungslos auf meine Mutter ein.

O du mein Volk! Ich weiß, im Grunde

Warst du stets international gesinnt.

Doch deinen-Namen führten die im Munde,

Die an den Händen mehr als schmutzig sind.

Ich kenne doch mein Land und seine Güte.

Voll Niedertracht und ohne jede Scham

Hat sich der Judenfeind – er stand in Blüte! –

Einst protzig „Bund des Volks“ genannt.

Ich bin die Anne Frank, ein Judenmädchen,

Ätherisch wie ein Kirschzweig im April.

Ich liebe dich. Ich brauche keine Phrasen.

Ich brauche deine Augen, dein Gefühl.

In unsere Kammer dringt kein Tageslicht.

Verboten ist das zarte Blau des Himmels.

Doch deine Zärtlichkeit – die habe ich.

Ich habe dich – in diesem dunklen Zimmer.

Sie kommen? Aber, nein! Durch unsere Wände

Hörst du den Frühling, ungebärdig, laut.

Gib deine Lippen. Schnell, gib deine Hände.

Die Türe kracht? Es ist das Eis, das taut.

Hoch überm Babij Jar erklingen Gräser.

Streng wie ein Richter ist hier jeder Baum.

Die Schlucht liegt stumm, darüber das Vergessen.

Mein Haar ist bloß. Ganz langsam wird es grau.

Ich selbst bin jeder Schrei, der hier verhallte,

Der tonlos über tausend Gräbern hing.

Ich selbst bin jeder hier erschossene Alte.

Ich selbst bin jedes hier erschossene Kind.

Was hier geschah, kann ich nicht ruhen lassen.

Wie klingt die Internationale erst,

Wenn einst der allerletzte Judenhasser

Verachtet, ewig tot, zur Erde fährt!

In meinem Blut ist nichts vom Judenblute.

Und dennoch werde ich mit Haß verfolgt.

Für manche Leute bin ich nämlich Jude;

Und gerade das macht mich als Russen stolz.

Von Franz Leschnitzer

Es steht kein Denkmal über Babi Jar.

Die grobe Grabschrift ist sie selbst, die Schlucht.

Mir graust.

Bin alt heut ebensoviel Jahr,

wie sie das Volk der Juden nunmehr bucht.

Mir scheint, ich schleppe dieses Volkes Joch,

durch Altägypten wanke ich, geschunden;

ans Kreuz genagelt, gehe ich zugrunde

und trag der Nägel Spuren immer noch.

Mir scheint,

als Dreyfus steh ich vorm Gelichter,

Das Spießertum:

mein Denunziant und Richter.

Bin hinter Gittern.

Dieses Netz ist dicht.

Bin abgehetzt,

bespuckt,

von Pack umtanzt.

Und Dämchen mit echt Brüsseler Volants

bohrn kreischend mir die Schirme ins Gesicht.

Mir scheint,

ich bin in Bjelostok als Junge.

Blut fließt, zerfließt den Säufern unterm Stiebel,

die in der Schenke gröln aus voller Lunge

und stinken halb nach Wodka, halb nach Zwiebel.

Mit Fußtritten traktiert von Ränkeschmieden,

vergebens fleh ich, wimmere und wein.

Sie schnattern:

„Rette Rußland, hau die Jiden!“

Ein Händler schlägt auf meine Mutter ein.

Mein russisch Volk!

In deines Wesens Kern

hältst du dem International-Sinn

Treue. Doch deinen reinen Namen schmissen Herrn

mit Schmutzhand oft wie Perlen vor die Säue.

Die Güte meines Lands ist mir bekannt.

Welch Schmach,

daß, zuckend mit nicht einer Wimper,

gespreizte judenfresserische Gimpel

sich damals „Bund des Russenvolks“ genannt!

Mir scheint,

die kleine Anne Frank bin ich,

so zart,

wie Zweiglein im Aprilwind wehn.

Ich liebe.

Und ich brauche Phrasen nicht.

Ich brauch nur eins:

daß wir einander sehn.

Wie wenig Sicht und Duft

verbleibt uns Armen!

Das Laub, den Himmel

sperrt die Feindesbrut.

Und doch, wieviel man kann:

Es tut so gut.

in dunklem Raum einander zu umarmen.

Sie kommen her?

Furcht nichts, es ist das Gellen

des Frühlings selber – der kommt hier herein.

Komm du zu mir.

Gib deine Lippen schneller.

Sie haun die Tür ein?

Nein, das Eis bricht ein ...

Das Unkraut über Babi Jar raunt bös.

Die Bäume blicken drein wie Richter,

lauernd.

Stumm schreit hier alles,

und das Haupt entblößt,

werd ich, das fühl ich,

langsam grau und grauer.

Ich bin

das Echo tonlos mächtgen Schreis,

der über abertausend Tote rinnt.

Ich bin

jedweder hier erschoßne Greis.

Ich

jedes hier erschoßne kleine Kind.

Nur kein Vergessen!

Doch auch kein Erstarren!

Die „Internationale“ dröhn,

vereint

gesungen,

wird für immer man verscharren

den auf der Welt dann letzten Judenfeind.

Kein jüdisch Blut pulsiert in meinem Blute.

Doch tief verhaßt bin bis zum Lebensschlusse

ich allen Judenfeinden

wie ein Jude.

Und ebendrum

bin ich ein echter Russe!

Von Anselm Hollo

Bei Babij Jar

steht kein Mausoleum:

Katakombe

ist die steile Halde.

Ich steh’ hier, verängstigt

vom Tod umzingelt,

ich steh’ hier, alt wie ein Jude

wie der Jude, gekreuzigt!

sieh, meine Hände –

gekreuzigt! Dreyfus, angeschrien

angespien

von einer Rotte

von Richtern,

eingekerkert, lebend begraben,

beleidigt, zerschlagen.

Damen

in hübschen Spitzenkleidern

stoßen den Sonnenschirm

mir ins Gesicht.

Ein Schrillen von Haß.

Ich steh’ hier,

ich bin der Kleine

in Bialystok der sieht, wie das Blut

auf dem Boden zerfließt...

Das Blut

das die harten Männer vergossen:

Wodka in ihren Adern

brüllt, flucht, macht sie taub

allem, allem,

sie hören nur

ihr Gebrüll:

HAUT DEN JUDENHUND!

RUSSLAND, BLEIB REIN!

Der Stiefel zerschlägt meine Mutter.

Ach, ihr Russen.

Nie glaubtet ihr

an Grenzen, fanatischen Glauben

die Menschen von Menschen

zu trennen.

Doch die unter euch, Russen,

die ihre Hände befleckten

in diesem Blut,

die haben sehr oft deinen Namen

geschrien –

das russische Volk: ja, die

„Liga des Russenvolks“ –

eine Bande von Hassern!

Ich steh’ hier, ich bin

Anne Frank, ein Mädchen

ein grüner Zweig,

so leicht

zu brechen vom blühenden Ast

der Liebe, ihrer

Liebe, die natürlich war

und eine Fülle. Ich steh’ hier,

ich seh’ dich an

seh’ mich selbst an,

es ist schwer, es ist dunkel,

kein anderer Baum,

keine Bäume, kein Himmel

– doch, dieses

Geräusche, dies Dröhnen –

– die Stiefel –

schon?

Nein. Es ist der April

und er ist gekommen, uns

zu entdecken:

Mund gegen Mund

in einem kleinen, dunklen Raum ...

– aber wer

ist das –

Poltern gegen die Tür –

Nein, es ist der große Strom,

er bricht auf, es ist Frühling

er fließt dahin ...

Es ist jetzt sehr still

hier, wo ich stehe.

Und in mir ist jemand

der schreit,

doch lautlos

über und durch die flüsternden Gräser

unter den hohen Bäumen.

Die Bäume sind Richter,

ganz in Schwarz.

Ich nehme die Mütze vom Kopf

und seh’ wie mein Haar ergraut,

und der Schrei, in mir drinnen,

durch all meine Poren

dringt er! Um die Millionen

die hier

jetzt liegen, ohne

Gesicht.

Ich steh’ hier,

ich lieg’ hier,

ein alter Mann

ausgelöscht

vom tödlichen Strahl des MG

ein junger Mann

der hatte eine Frau

eine junge Frau

die hatte einen Sohn

ausgelöscht

vom zischenden Blei –

Sie sind eingedrungen in meine Haut,

diese Menschen, in meine Adern,

in mein Gebein.

Sie wohnen jetzt hier, in mir

sind die Katakomben.

Sie waren Juden.

Und an diesem Ort

kann nie mehr die wilde, dröhnende Stimme

der „Internationale“ erklingen,

eh’ nicht der letzte Hasser

dieser, dieser Menschen mit Erde bedeckt ist,

ist dieser Ort wie taub jenem Lied.

Ich steh’ hier,

ich bin nicht als Jude geboren

doch jene, die haßten

und hassen

das Blut, das hier floß

– die hassen

mich, wie ich sie

mein Leben lang gehaßt:

und das ist’s,

was mich

zum Russen macht!

Von Paul Celan

Über Babij Jar, da steht keinerlei Denkmal.

Ein schroffer Hang – der eine, unbehauene Grabstein.

Mir ist angst. Ich bin alt heute, so alt wie das jüdische Volk,

Ich glaube, ich bin jetzt

ein Jude.

Wir ziehn aus Ägyptenland aus, ich zieh mit.

Man schlägt mich ans Kreuz, ich komm um,

und da, da seht ihr sie noch: die Spuren der Nagel.

Dreyfus, auch er,

das bin ich.

Der Spießer

denunziert mich,

der Philister

spricht mir das Urteil.

Hinter Gittern bin ich.

Umstellt.

Müdgehetzt.

Und bespien.

Und verleumdet.

Und es kommen Dämchen daher, mit Brüsseler

Spitzen,

und kreischen

und stechen mir ins Gesicht

mit Sonnenschirmchen.

Ich glaube, ich bin jetzt

ein kleiner Junge in Bialystok.

Das Blut fließt über die Diele, in Bächen.

Gestank von Zwiebel und Wodka, die Herren

Stammtisch-Häuptlinge lassen sich gehn.

Ein Tritt mit dem Stiefel, ich lieg in der Ecke.

Ich fleh die Pogrombrüder an, ich flehe – umsonst.

„Hau den Juden, rette Rußland!“ –:

der

Mehlhändler hat meine Mutter erschlagen.

Mein

russisches

Volk!

Internationalistisch

bist du, zuinnerst, ich weiß.

Dein Name ist fleckenlos, aber

oft in Hände geraten, die waren nicht rein;

ein Rasselwort in diesen Händen, das war er.

Meine Erde – ich kenne sie, sie ist gut, sie ist gütig.

Und sie, die Antisemiten, die niederträchtigen, daß

sie großtun mit diesem Namen:

„Bund des russischen Volks“!

Und nicht beben und zittern!

Ich glaube, ich bin jetzt sie:

Anne Frank.

Licht-

durchwoben, ein Zweig

im April.

Ich liebe.

Und brauche nicht Worte und Phrasen.

Und brauche:

daß du mich anschaust, daß ich dich anschau.

Wenig Sichtbares noch,

wenig Greifbares!

Die Blätter – verboten.

Der Himmel – verboten.

Aber einander umarmen, leise,

das dürfen, das können wir noch.

Sie kommen?

Fürchte dich nicht, was da kommt, ist der Frühling.

Er ist so laut, er ist unterwegs, hierher.

Rück näher.

Mit deinen Lippen. Wart nicht.

Sie rennen die Tür ein?

Nicht sie.Was du hörst,ist der Eisgang,

die Schneeschmelze draußen.

Über Babij Jar, da redet der Wildwuchs, das Gras.

Streng, so sieht dich der Baum an,

mit Richter-Augen.

Das Schweigen rings schreit.

Ich nehme die Mütze vom Kopf, ich fühle,

ich werde

grau.

Und bin – bin selbst

ein einziger Schrei ohne Stimme

über tausend und aber

tausend Begrabene hin.

Jeder hier erschossene Greis –:

ich.

Jedes hier erschossene Kind –:

ich.

Nichts, keine Faser in mir,

vergiß das je!

Die Internationale –

ertönen, erdröhnen soll sie,

wenn der letzte Antisemit, den sie trägt, diese Erde,

im Grab ist, für immer.

Ich habe kein jüdisches Blut in den Adern.

Aber verhaßt bin ich allen Antisemiten.

Mit wütigem schwieligem Haß,

so hassen sie mich –

wie einen Juden.

Und deshalb bin ich

ein wirklicher Russe.