Eine bisher unveröffentlichte Erzählung von

von René Drommert

Hühnergott, das ist ein Meeressteinchen mit einem kleinen Loch. Die Krim-Tataren sollen geglaubt haben, daß, wenn man durch das Loch einen Faden zieht und das Steinchen an der Hühnerstange aufhängt, die Hühner besser Eier legen. Daher nannten sie das Steinchen Hühnergott. Dann sind sie darauf gekommen, daß der Hühnergott auch den Menschen Glück bringt. Mir scheint, daß nahezu alle Menschen, wenn auch nur ein wenig, an Zeichen glauben: die einen mit kindlichschutzloser Offenheit, die anderen – heimlich, mit mürrischer Intensität.

Ich glaube heimlich.

Als ich am Strande war, wollte ich immer so gern einen Hühnergott finden, in diesem Sommer aber besonders. Mit unverhohlenem Neid betrachtete ich die mächtigen, Kämpfern eigentümlichen Hälse der Burschen und die dünnen, mit Locken geschmückten Hälse der Mädchen, umfaßt von Fäden, an denen, wie Meeresmedaillons, zutraulich einfache Steinchen baumelten. Ein Faden mit solch einem Stein lag sogar um den ziegelfarbenen, faltigen Hals eines Alten, der auf der Balustrade gegenüber dem Speisesaal des Erholungsheims saß und würdevoll Spazierstöcke aus Kirschbaumholz verkaufte.

Am Strande, unmittelbar neben mir, rief plötzlich eine eindrucksvolle Dame von Welt, die sich immer entsprechend ihrer Größe und mondänen Art hielt, glücklich wie ein Kind: „Ei, Genossen, ich habe einen Hühnergott gefunden!“

Und sie sauste triumphierend los, um ihn dem ganzen Strande zu zeigen; aber nachdem sie ihn gezeigt hatte, legte sie sich unter ihren chinesischen Schirm und begann, die kleine graue Hoffnung auf das Glück gerührt zu küssen, und sie sagte dabei: