Von Hans Peter Bull

Lebenslänglich Zuchthaus hatte der Staatsanwalt beantragt – und vier Jahre Zuchthaus hat das Gericht im Prozeß gegen den Schleswiger Ratsherrn und früheren SS-Sturmbannführer Martin Fellenz verhängt. Er war beschuldigt, an der Ermordung von 39 000 polnischen Juden teilgenommen zu haben.

Nur Beihilfe zum Mord „in zwei Fällen“ hielt das Schwurgericht für erwiesen; in allen übrigen Anklagepunkten sprach es Fellenz frei. Für eine Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte bestand nach Ansicht des Gerichts „kein Anlaß“; die Untersuchungshaft von über zwei Jahren wurde angerechnet, der Haftbefehl aufgehoben. Der Vorsitzende wies den Angeklagten obendrein darauf hin, daß das letzte Drittel seiner Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden könne, so daß er vielleicht nur noch einen Monat abzusitzen brauche. Fellenz, der während des Prozesses keinerlei Scham oder Reue gezeigt hatte, verließ den Saal als freier Mann, umringt von Freunden und Verwandten ...

Als Stabsführer beim SS- und Polizeiführer in Krakau hatte Fellenz in fünf polnischen Orten an den sogenannten „Aussiedlungen“ von Juden mitgewirkt. Er sei aber nur „Organisator im technischen Sinne“ gewesen, erklärte das Gericht, und es sei nicht bewiesen, daß er gewußt habe, daß sich hinter dem Begriff „Aussiedlung“ die Ermordung der Juden verbarg. Dazu ein Zeuge, der als Medizinalbeamter in Warschau tätig gewesen war: „Bereits zu Anfang der Besetzung, als die Juden in die Ghettos einziehen mußten, haben es die Spatzen von den Dächern gepfiffen, daß das die Vernichtung bedeutete.“ Und da soll der Adjutant und Vertrauensmann des SS- und Polizeiführers – selbst „Geheimnisträger“ – die Hintergründe jener Judentransporte nicht gekannt haben?

Immerhin stellte das Gericht fest, der Angeklagte habe spätestens nach den ersten drei Aktionen gewußt, daß diejenigen Juden, die nicht transportfähig waren, an Ort und Stelle erschossen wurden, daß er also bei der Vorbereitung der Aussiedlung die Voraussetzung für ein Verbrechen schuf. Mit der Formulierung „in zwei Fällen“ sind nicht nur zwei Menschen, sondern zwei „Aktionen“ gemeint – die Zahl der Opfer, die dabei umgebracht wurden, dürfte an die Tausend betragen haben.

Das hätte für ein „Lebenslänglich“ genügt, denn das Gesetz schreibt die Strafmilderung ebensowenig vor wie die Anrechnung der Untersuchungshaft; beides ist in das Ermessen des Gerichts gestellt. Aber wieder einmal bewies ein deutsches Schwurgericht unerklärliche Milde gegenüber Verbrechen der NS-Zeit.

Dies ist nicht der erste Fall dieser Art; die ZEIT hat über ähnliche Urteile bereits ausführlich berichtet (Nr. 21 vom 25, 5. 1962). SS-Mörder und ihre Gehilfen haben heute die Chance, ebenso mit einigen Jahren Zuchthaus oder Gefängnis davonzukommen wie einer, der im Affekt einen Totschlag begeht – wie beispielsweise jener Münchener Zimmerer, der seine geschiedene Ehefrau aus Eifersucht erstochen hatte, weil sie sich mit einem italienischen Gastarbeiter angefreundet hatte. Er erhielt am gleichen Tag wie Fellenz sein Urteil. Es lautete: sechs Jahre Zuchthaus – zwei Jahre mehr als Fellenz.