Wolfgang Krüger: Lohnpolitik ohne Klamauk

In der Tat hat sich Erstaunliches vollzogen. Die Unternehmerverbände der Bauindustrie haben einen Tarifvertrag unterschrieben, der, das ist nicht zu bezweifeln, die Gewerkschaft ungeheuer stärken muß. Praktisch finanzieren die Unternehmer die beste Werbung, die für die Gewerkschaft möglich ist: Denmateriellen Anreiz durch zusätzliche Alters- und Invalidenrenten für Gewerkschaftsmitglieder.

Diese Stärkung ihres Kontrahenten in Tariffragen haben die Unternehmer sicher nicht umsonst gegeben. Die Verpflichtung der IG Bau, Lohnfragen "in sachlicher Weise zu lösen", die ausdrückliche Anerkennung der Sozialpartnerschaft, der Rolle der Gewerkschaft als Ordnungsfaktor, bedeutet einen weitgehenden Verzicht auf gewerkschaftliche Kampfmaßnahmen. Auch wenn es nicht ausgesprochen wird im Vertrag: Eine von den Unternehmern gestützte Gewerkschaft kann nicht gegen diese streiken.

Mag sein, der Streik hat in unserer Gesellschaft ohnehin seine Bedeutung verloren. Demokratie ist die organisatorische Form des friedlichen Ausgleichs entgegengesetzter Interessen. Warum also nicht auch in Tariffragen sachliche, demokratische Formen an Stelle des offenen Kampfes setzen? Sachliche, am Allgemeinwohl orientierte Diskussion und gemeinsame Bemühungen von Unternehmerverbänden und Gewerkschaften um eine leistungsstarke Wirtschaft – ist das nicht die ideale Form der Wirtschaftsdemokratie?

Es ist jedoch die Frage, ob Unternehmer und Gewerkschaften das gleiche meinen, wenn sie von Gemeinwohl reden. Auch im wirtschaftlichen Bereich gibt es eine Reihe von grundlegenden Fragen, die nicht rein sachlich gelöst werden können. Ob etwa Lohnerhöhungen die Konjunktur (zu einem gegebenen Zeitpunkt) stärken oder bremsen, ob der Produktivitätszuwachs als Maß für Lohnerhöhungen gerechtfertigt ist, ob die Gewinne der Unternehmer oder des Zwischenhandels zu groß sind usw., wird nach wie vor von interessenbezogenen Vorentscheidungen her beurteilt. Eine Gewerkschaft, die sich als Ordnungsfaktor einordnen und von den Unternehmern bezahlen läßt (obwohl letztlich doch die Arbeiterschaft diese Gelder aufbringt), kann allzu leicht in die Gefahr geraten, sich auch der "sachlichen" Entscheidung der Unternehmer in diesen Fragen beugen zu müssen.

Wer glaubt, die Verhältnisse in der Bundesrepublik seien in Ordnung und gerecht und bedürften der Stabilisierung, nicht der Veränderung, muß diesen Tarifvertrag uneingeschränkt gutheißen. Wer aber glaubt, daß diese oder jene Einrichtung noch verbesserungsfähig sei, der wird auch bedenken müssen, daß diejenigen, die Vorteile besitzen, immer für die Erhaltung der bestehenden Verhältnisse eintreten. Absolute Gerechtigkeit wird es nie geben, aber das Recht und die Chance, für eine Verbesserung seiner Lage einzutreten, muß man jedem lassen, auch den in den Gewerkschaften zu diesem Zweck organisierten Arbeitern.

Dieser Vertrag aber kann leicht das Mittel werden, der Gewerkschaft Bau-Steine-Erden dieses Recht abzukaufen. Das hat nichts mit veraltetem Klassenkampfdenken marxistischer Manier zu tun, sondern mit Interessenvertretung, die man jedem Schrebergärtnerverein zugesteht.