Nach der Spiegel- Affäre ist dieser Absatz wieder so frisch wie das Zitat von Erich Kästner, mit dem Bucher 1959 seine Rede beschloß: "Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen, später war es zu spät. Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man muß den rollenden Schneeball zertreten; die Lawine hält keiner mehr auf."

Als Abgeordneter versuchte Bucher nach Kräften, den Schneeball zu zertreten. Mehr und mehr geriet er dabei freilich in einen persönlichen Gegensatz zu Konrad Adenauer, dem er vorwarf, er erniedrige das Recht zur Magd der Politik. Er kritisierte die Urteilsschelte des Kanzlers nach dem Fernseh-Urteil wie zuvor schon nach dem Kilb-Prozeß. "Gerade der Regierungschef müßte doch ein Hort der Gerechtigkeit sein!", sagte er zur Sache Kilb. Das war zu der Zeit, als Adenauer auf die Bundespräsidentschaft reflektierte; Bucher sagte rundheraus: "Unter diesen Auspizien wäre es mir Angst um das hohe Amt!"

Als regelmäßiger Fraktionssprecher zum Einzelplan 04 – Bundeskanzler und Bundeskanzleramt – hat er auch in den folgenden Jahren bei den Haushaltsdebatten stets scharfe Kritik an Adenauer geübt. Es ist kein Geheimnis, daß er im Herbst 1961 gegen den Eintritt der FDP in die Regierung Adenauers war. Jetzt, da er selber dieser Regierung angehört, ist bekannt, daß er die Zusicherung des Kanzlers, im Herbst zurückzutreten, sehr ernst nimmt. In Ruppertshofen, einem waldumschlossenen Dorf seines Heimatkreises, hat er ein 70-Liter-Faß Bier darauf gewettet, daß Adenauer dieses Jahr aus dem Amte scheidet.

Der schwäbische Freisinnige Ewald Bucher ist mit einem guten Schuß jenes demokratischen Öls gesalbt, von dem sein Landsmann Ludwig Uhland einst gesprochen hat. Die 1848er haben ihn geistig geprägt (während eines Fronturlaubs promovierte er im Kriege summa cum laude über "Die Juristen in der Frankfurter Nationalversammlung"). Er ist von Grund auf liberal. So verteidigte er Wehner, als diesem wieder einmal seine kommunistische Vergangenheit vorgehalten wurde, und Brandt, als er wegen seiner Emigration eine Schmutzkampagne über sich ergehen lassen mußte. Und so polemisierte er gegen Gerhard Schröder (den er heute als Außenminister sehr schätzt), als dessen Einreisegesetz vors Parlament kam. Daß er gegen die Lex Soraya wie gegen die Wiedereinführung der Todesstrafe ist und sowohl für eine Revision des § 175 als auch für die "ethische Indikation" (§ 218) eintritt, versteht sich fast von selbst. Auch sein langjähriges Engagement in der Sache der Südtiroler erklärt sich aus seiner Liberalität: "Nicht um Nationalismus geht es dabei, sondern um die Menschenrechte und die Unzulänglichkeit der Justiz."

Buchers Prinzipien sind klar. Dennoch wird er es als Minister nicht leicht haben. Das Justizministerium ist aus der Spiegel- Krise angeschlagen hervorgegangen, das Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit ist erschüttert. Der neue Minister bekennt offen, daß es nur einen Weg gibt, es wiederherzustellen: "Indem man Mißgriffe und Verfehlungen schonungslos offenlegt. Das könnte als reinigendes Gewitter die Atmosphäre für lange Zeit klären." Deswegen tritt er auch für eine ungekürzte Veröffentlichung des Spiegel-Berichts ein.

Aber damit allein ist es noch nicht getan. Ein Generalbundesanwalt muß gefunden, die klettenhaften NS-Richter müssen aus dem Amte gedrängt werden. Und das Reformpensum, das der Minister mit einem unwilligen Bundestag zu bewältigen hat, ist immens: Strafgesetzbuch (besonders dringlich die Landesverratsparagraphen), Strafprozeßordnung, Strafvollzug, Zivilgerichtsbarkeit, Aktienrecht, GmbH-Recht, Urheberrecht, Unehelichenrecht, Genossenschaftsgesetz stehen auf der Tagesordnung. Selbst mit viel Glück und mit der vollen Unterstützung der 105 Juristen im Parlament wird der neue Justizminister in dieser Legislaturperiode kaum mehr als einen Anfang machen können.

Indessen hat er stets gesagt, daß die besten Gesetze und Institutionen nichts taugen, wenn der rechte Geist fehlt, und daß es vor allen Dingen nötig sei, die Einstellung zu den rechtlichen Dingen von oben herunter zu ändern. Im fünften Kabinett Adenauer wird er dazu reichlich Gelegenheit haben. Theo Sommer