Washingtons neue Pläne: politisch vielleicht nützlich-, aber militärisch sinnlos

Von Theo Sommer

London, Anfang Februar

Vor einem Jahr noch gab es gute Gründe, alle Pläne für eine NATO-Atomstreitmacht zu verwerfen. Nicht nur mußte das Unterfangen als militärisch nutzlos und finanziell ruinös erscheinen; es barg auch ernste politische Gefahren. Hinter dem Drängen der Europäer steckte kaum verhohlenes Mißtrauen gegenüber Washington. Zweierlei lag ihm zugrunde: einmal die Befürchtung, die USA würden ihre nationale Existenz nicht mehr für die transatlantischen Partner in die Schanze schlagen, zum anderen der Wunsch, ein Instrument in die Hand zu bekommen, mit dessen Hilfe Amerika notfalls auch wider seinen Willen zum Einsatz seiner Atomwaffen gezwungen werden könnte. Das Mißtrauen auf dieser Seite des Atlantiks weckte Mißtrauen auf. der anderen Seite; so aber wurde das europäisch-amerikanische Verhältnis einer Belastungsprobe ausgesetzt.

Heute nimmt sich das Projekt einer NATO-Atommacht anders aus. Inzwischen hat Charles de Gaulle seine Absicht enthüllt, die Haltetaue zu kappen, die den Kontinent mit Großbritannien und den Vereinigten Staaten verbinden; er ist entschlossen, jene Verbindung zu durchschneiden, von der Leben und Sicherheit Europas und insbesondere der Bundesrepublik abhängen. Unter diesen Umständen jedoch hat die Unterstützung des Planes, die NATO zur "vierten Atommacht" zu erheben, eine ganz neue Bedeutung bekommen, zumal da sich Washington jetzt mit Macht dafür einsetzt. Sie ist eine Vertrauenskundgebung für Amerika und für die atlantische Allianz geworden – zugleich eine unausgesprochen antigaullistische und ausgesprochen pro-amerikanische Demonstration. So hat es die Bundesregierung vielleicht auch gemeint, als sie Mitte Januar den von George Ball überbrachten Vorschlägen zustimmte, und so hat es auf jeden Fall die sozialdemokratische Opposition verstanden, als sie ihre früheren Bedenken zurückstellte.

Politisch hat die Schaffung einer NATO-Atommacht heute also einen vernünftigen Sinn. Man sollte sich indessen vor Illusionen hüten. Militärisch ist das Projekt noch immer so unnötig wie ein Kropf; finanziell wird es allen Beteiligten ungeheure Lasten auferlegen; organisatorisch stellt es die Verbündeten vor eine Fülle diffiziler Probleme. Noch vermag niemand zu sagen, in welcher Gestalt die NATO-Atommacht am Ende entstehen wird. Noch ist es für die atlantischen Europäer auch nicht zu spät, sich abermals zu überlegen, ob es wirklich keine andere Möglichkeit gibt, den Amerikanern unverbrüchliche Loyalität zu bezeugen, als die Beteiligung an dem gemeinsamen Atom-Pool.

Die Athener Alternative