Geesthacht, im Februar

Kollegium und Schüler des Geesthachter Gymnasiums applaudierten stürmisch. Der alte Herr am Rednerpult, ein ehemaliges Staatsoberhaupt des Großdeutschen Reiches, konnte seine Rührung kaum verbergen. "Wir spürten es: Karl Dönitz hatte seine helle Freude an dieser Jugend", berichtete die Lokalzeitung über diesen denkwürdigen Vorfall in der Pausenhalle der schleswigholsteinischen Kleinstadtschule. Einige Tage später hätte der Geesthachter Beifallssturm sein Echo in der Weltpresse gefunden – ein Echo anderer Art.

Dr. Heinrich Koch, Geschichtslehrer des Geesthachter Gymnasiums, ehemaliger Landtagsabgeordneter, Vorsitzender der Geesthachter Christlichen Demokraten und der CDU-Fraktion der Ratsversammlung, rühriges Mitglied des Verbandes Deutscher Soldaten, mit dem Prädikat "aktivster Kommunalpolitiker Schleswig-Holsteins" und "stärkster Mann Geesthachts" ausgezeichnet, hatte kaum mit einer weltweiten Resonanz gerechnet, als er auf die Idee verfiel, das Thema "30. Januar 1933 und seine Folgen" von einem "Fachmann" behandeln zu lassen. Der Studienrat bat seinen Freund Karl Dönitz, diese Aufgabe zu übernehmen. In den letzten beiden Schulstunden des 24. Januars erhielten so 220 Geesthachter Gymnasiasten der Tertia, Sekunda und Prima zeitgeschichtlichen Unterricht von einem Mann, der als Oberbefehlshaber der Kriegsmarine und Nachfolger Adolf Hitlers "damals dabei" war.

Die Schüler fragten, Dönitz antwortete, und die Lehrerschaft enthielt sich aller Äußerungen bis auf das spontane Händeklatschen am Ende dieser Schulstunde. Die 14- bis 20jährigen lernten, nur Stalins und Ulbrichts Machenschaften sei es zu verdanken, daß Dönitz nicht auch nach der Kapitulation Chef einer zentralen Reichsregierung blieb. Sie erfuhren auch, daß hohe englische Seeoffiziere beschämt gewesen seien über die Verurteilung des Großadmirals, daß eine Verweigerung des Gehorsams auch in Ausnahmefällen für einen Soldaten "ethisch unwürdig" sei – und endlich was ein Angriffskrieg – wie im Fall Norwegen – ist: "Das ist genauso, als wenn Frau Müller vor Frau Lehmann in die Bäckerei kommt, um Brötchen zu kaufen, und Frau Müller dann dafür bestraft wird."

Als die 220 Schüler und ihre Lehrer nach diesen Belehrungen die Hände zum Beifall rührten, ahnte angeblich noch niemand, daß für die Verantwortlichen dieser ungewöhnlichen Geschichtsstunde unangenehme Folgen entstehen könnten. Allerdings hatte Studienrat Dr. Kock ausnahmsweise die Vorsicht dem draufgängerischen Scnneid seines Freundes vorgezogen und die Schülermitverwaltung des Gymnasiums als Veranstalter auftreten lassen. Bis ihm seine vorgesetzte Behörde in Kiel das Gegenteil nachwies, erklärte Kock nachdrücklich, sich nur auf inständiges Bitten seiner Schüler für die Dönitz-Stunde eingesetzt zu haben.

Nun freilich räumte er ein, die "erste Anregung" gegeben zu haben. Tatsächlich regte Kock jedoch nicht nur an, sondern brachte auch die Einladung seinem Freund, dem Großadmiral a. D., in den Sachsenwald. Dann präparierte er mit seinen Schülern die Fragen, die dem Nachfolger des "Führers" gestellt werden sollten.

Das alles würde heute vielleicht niemanden mehr interessieren, wenn der Studienrat Dr. Kock und der Großadmiral Dönitz nicht noch einen gemeinsamen Bekannten in Geesthacht gehabt hätten: den ehemaligen U-Bootfahrer und heutigen Redakteur Karl Mührl. Der Journalist unterbrach seinen Urlaub, um bei dem denkwürdigen Ereignis im Geesthachter Gymnasium, zu dem er als einziger Berichterstatter geladen war, dabei zu sein. Mührl reservierte in den von ihm redigierten schleswig-holsteinischen Kopfausgaben der "Bergedorfer Zeitung" eine Sonderseite, um seine Leser über "diese Veranstaltung, die sicher auch für die anwesenden Lehrer des Gymnasiums ein besonderes Erlebnis, für die Schüler aber in jedem Fall Geschichtsunterricht in höchster Vollendung gewesen sein dürfte", zu informieren.