R. S., Bonn, im Februar

Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Professor Erhard und Bundeskanzler Adenauer über die jüngste Entwicklung in Brüssel und in Paris lassen sich nicht mehr vertuschen. Das Interview Erhards mit der "Süddeutschen Zeitung" machte die Gegensätze allzu deutlich sichtbar. In der Fraktion gab es einige Zustimmung für Erhard, aber sehr viel mehr Widerspruch. In der Fraktionssitzung der CDU/CSU am Dienstag ging der Kanzler über den Streit hinweg. Und Erhard schwieg. Das hatten seine Freunde schon vorher befürchtet.

Erhard hält den Abschluß des deutsch-französischen Vertrages, zumal zu diesem Zeitpunkt, für einen Fehler. Adenauer erblickt in ihm die Krönung seines Lebenswerkes. Natürlich wünscht auch Erhard eine feste, unzerbrechliche Freundschaft mit Frankreich. Aber Adenauer möchte sie institutionalisieren, durch den ständigen Zwang zur Konsultation immer enger verweben. Erhard hält dies nicht für notwendig. Er meint sogar, die bereits fest verwurzelte Freundschaft zwischen den beiden Völkern könnte durch die Politik eher gestört werden.

Adenauer zeigte in einem Interview mit der amerikanischen Zeitschrift US News and World Report großes Verständnis für die Haltung de Gaulles während der jüngsten Krise; Erhard aber warf fast zur gleichen Zeit dem General vor, seine Haltung sei "nicht gerade ein Zeichen der Hochachtung vor der deutschen Demokratie gewesen". Der Vizekanzler erblickt allein in einer systematischen Fortentwicklung der großen atlantischen Gemeinschaft die Gewähr für Sicherheit und Wohlstand. "Der Bilateralismus ist tot", sagte er. Adenauer indessen hält auch eine bilaterale Konzeption, wie sie im Pariser Vertrag vorgezeichnet wird, im Rahmen der atlantischen Gemeinschaft für praktikabel.

Dem Bundeswirtschaftsminister wird zur Zeit in Amerika wie in England größeres Vertrauen entgegengebracht als Adenauer. Ihm glaubt man sein leidenschaftliches Bekenntnis zur atlantischen Schicksals- und Wirtschaftsgemeinschaft. Adenauer wird skeptischer beurteilt. Der amerikanische Botschafter in Bonn, Dowling, soll aus diesem Zweifel kein Hehl gemacht haben. Im Weißen Haus scheint zwar diese Skepsis in den letzten Tagen etwas nachgelassen zu haben, beseitigt aber ist sie noch lange nicht. Der Kanzler hat Dowling vor dessen Abreise nach Washington ausführlich über seine Absichten unterrichtet. Ob er ihn überzeugen konnte?

Die Amerikaner wünschten, daß mit Dowling auch Bundesaußenminister Schröder nach Washington fliegen sollte. Schröder aber konnte wegen der außenpolitischen Debatte im Bundestag in dieser Woche Bonn nicht verlassen. So wurde an seiner Stelle dem Staatssekretär Carstens die schwere Aufgabe aufgebürdet, Kennedy darzulegen, daß seine Bedenken gegen die Bonner Politik in jüngster Zeit unbegründet seien. Carstens wird Kennedy wohl das gleiche sagen, was der Kanzler dem amerikanischen Botschafter gesagt haben mag: Die Bundesregierung habe doch ohne Zögern den Vorschlag des stellvertretenden Außenministers Ball angenommen, Westdeutschland an einer multinationalen Atomstreitmacht zu beteiligen; die Bundesrepublik habe in Brüssel bis zuletzt an der Seite der vier EWG-Staaten gegen Frankreich gestanden; Bonn schätze die Freundschaft mit Paris sehr, aber die mit Washington und London nicht weniger; außerdem sei der Vertrag mit Frankreich seit langem vorbereitet gewesen, und die Bemühungen um diesen Vertrag seien erst kürzlich von der amerikanischen Regierung gebilligt worden.

Aber so zutreffend alle diese Argumente auch sein mögen, der Zeitpunkt und die Begleitumstände des Vertragsabschlusses haben doch Mißtrauen hervorgerufen – auch in Bonn, bei allen drei Fraktionen des Bundestages. Und der Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Professor Müller-Armack, der für die Integrationspolitik verantwortlich ist, hat seinen Rücktritt eingereicht, weil er die Möglichkeiten für eine sinnvolle Fortsetzung der Integrationspolitik für verschüttet hält. Erhard, auch hier zögernd, hat das Rücktrittsgesuch noch nicht angenommen. Es richtet sich nicht gegen ihn, sondern gegen den Bundeskanzler und dessen Politik.