Lieber Freund,

es geht mir sehr nahe, daß Du so viele Deiner Tage in Weltschmerz und Trübsal verbringst, weil Du Dich Deiner Staatsangehörigkeit schämst. Du fühlst Dich einem Volk der Biertrinker, Sauerkrautesser, CDU-Anhänger und Wagner-Schwärmer verhaftet, aber bedenke doch: Das meiste Bier wird in Belgien getrunken, das beste Sauerkrautgericht ist immer noch Choucroute à l’alsacienne, die strammsten Anhänger der CDU sitzen in Zürich und Amsterdam, und die glühendsten Wagner-Verehrer findest Du im nebelbedrohten London.

Außerdem zitierst Du das deutsche Wort "Schmetterling" und meinst, es sei doch typisch, daß ein so "hübsches und leichtes Lebewesen" in unserer Sprache so drohend benannt wurde.

Wie kannst Du so leichtgläubig sein, einer oberflächlich betriebenen Philologie zu vertrauen und anzunehmen, das Wort habe mit "Schmettern" zu tun; es darf als nachgewiesen gelten, daß "Schmetterling" von "Schmettenling" kommt; "schmettert" bedeutet absahnen, den Rahm abschöpfen; der Schmetterling aber hieß früher "Molkenfliege", "Buttervogel" – und da sind wir ganz nahe an dem lieblichen englischen Wort butterfly. In der bloßen Tatsache, daß ein "n" sich in ein "r" wandelt, ein Vorgang, der jedem Philologen als Dissimilierung bekannt ist, liegt doch nichts Diffamierendes, lieber Freund. Du hast keinen Grund, im Wort "Schmetterling" den germanischen Schmettergott Donar am Werk zu sehen, und so schreibe ich Deinen Vorschlag, dieses freundliche Insekt "Donnervogel" zu nennen, einer übermäßigen Galligkeit zu.

Diese Galligkeit wiederum schreibe ich der Tatsache zu, daß Du es nicht lassen kannst, Kanzlerreden mitzustenographieren, in Klartext zu verwandeln, Wort für Wort, Satz für Satz zu studieren, Syntax und Aufbau zu analysieren ... aber mein Bester: warum betreibst Du auch ein so selbstmörderisch’ Werk? Das muß einem ja auf Leber und Nieren schlagen. Ich rate Dir, nimm häufiger als bisher ein mit beruhigenden Ingredienzen wohlriechend gemachtes Bad und lies in der Wanne des Tacitus "Germania" oder Casars "Bellum Gallicum"; Du wirst Dich, obwohl Spätgermane, wie ein Spätrömer in den Thermen fühlen, und wenn Du dann noch ein kräftiges Laxativ nimmst, wird der Druck von Leber und Galle weichen.

Wenn ich gar zu arg vom Kummer über diese verworfene Welt heimgesucht werde, dann setze ich mich auf unser Kleinbähnchen und fahre nach Köln, wo ich nicht nur einen geistlichen Freund habe, sondern auch einige weltliche.

Einer von diesen weltlichen Freunden steht, wie er sagt, mit einem Bein im Funk, mit einem anderen im Fernsehen, mit je einem weiteren Bein in der Kirchenarbeit, Zeitungsarbeit, Verlagsarbeit, Parteiarbeit und so weiter.