Das ist in Bonn wirklich nicht an der Tagesordnung: Ein Staatssekretär lehnt es ab, für sein engeres Arbeitsgebiet weiterhin die Verantwortung zu tragen. Er bittet um seine Entlassung. Ein Beamter wohlgemerkt – zwar ein "politischer", aber eben nur ein Beamter, der lediglich stellvertretend für seinen Minister echte politische Verantwortung zu tragen hat.

Konkret: Nicht Professor Müller-Armack ist für das Brüsseler Europa-Dilemma im echten Sinne "verantwortlich". Er trägt Mitverantwortung – gewiß, aber auch nicht mehr. Er handelte im Namen und Auftrag Erhards, ja der Bundesregierung, als er wie ein Löwe um den Beitritt Englands zur EWG kämpfte. Daß er verlor, war nicht seine persönliche Schuld. In allen Verhandlungsphasen befand er sich im Grundsatz wie im Detail in voller Übereinstimmung mit seinem Minister, mit dem er in ständigem telephonischem Kontakt stand.

Wirklich, Professor Müller-Armack hat formal gesehen kaum Veranlassung, sein Amt jetzt zur Verfügung zu stellen. Wenn sich in dieser Situation überhaupt jemand mit Rücktrittsgedanken tragen müßte, so wäre dies allenfalls der Bundeswirtschaftsminister. Dessen Europa-Konzeption ist in Brüssel zu Grabe getragen worden. Also zog Müller-Armack stellvertretend für Erhard die Konsequenzen, der just in diesem Augenblick erklärte, das Amt des Bundeskanzlers übernehmen zu wollen, falls es ihm angetragen wird.

Müller-Armacks stille Hoffnung scheint es zu sein, daß diese seine Demonstration zu einer Wende in der deutschen Europa-Politik beitragen könnte.

Ein anderes, wirklich überzeugendes Motiv für sein Entlassungsverlangen ist nicht ersichtlich. Resignation Sie ist diesem Mann, der sich in zehn langen Jahren in heiklen Verhandlungssituationen bewährte und der in Bonn und Brüssel als "Meister des Kompromisses" gilt, beim besten Willen nicht zuzutrauen. Er selbst spricht davon, daß er es einfach nicht mehr ertragen könnte, ein viertes Mal ein politisches "Nein" hören zu müssen, wenn sich nach strapaziösen Verhandlungen wieder Lösungsmöglichkeiten anbieten sollten.

Nun muß man wissen, daß Bundeskanzler Adenauer – so grotesk es auch klingt – Erhard die Schuld an diesem England-Fiasko zuzuschieben versucht. Wenn Erhard nicht auf jene Drei-Wochen-Frist bestanden hätte, in der die EWG-Kommission ihre "Bestandsaufnahme" fertigstellen sollte, wenn er darüber hinaus nicht darauf gedrungen hätte, diese Bilanz auch den Engländern zu erstatten, dann hätte nach Adenauer der unmittelbare Bruch mit England vermieden werden können. Und der Gedanke einer solchen Bestandsaufnahme stammt von Müller-Armack!

Daß es Müller-Armack bitterernst ist, sich auf seine Professur zurückzuziehen, steht außer Frage. Ebenso aber auch, daß sein Abgang aus der aktiven Europapolitik ein schwerer Verlust wäre. Denn weit und breit ist niemand zu sehen, der mit demselben Sachverstand und dem gleichen Erfahrungsschatz die Bundesrepublik bei künftigen Verhandlungen vertreten könnte.