SÜDWESTFUNK

Samstag, 2. Februar, das Hörspiel:

Es ist noch ein Kinderkarussell von der lieben altmodischen Art: ohne Motorräder, Autos und Raketen, dafür aber mit so geheimnisvollen Wesen wie Einhorn, Hirsch und Phönix. Als einziges Gefährt ist ein wunderschöner Schlitten zugelassen. Alle Figuren dieses Karussells entstanden aus Träumen einsamer Menschen. So verwandelte sich ein alter Mann, der seiner Ehe überdrüssig war, in einen riesigen Elefanten in grenzenloser Steppenlandschaft. Aus einem Kätzchen wurde ein mächtiger Löwe, der ein kleines Mädchen im Gewitter beschützte. Ein Junge in seiner engen Dachstube verzauberte sich in eine Giraffe, um so durch das hohe Fenster über die Stadt in die weite Ferne zu blicken. Als aber die Geschöpfe der Träume ihre Aufgabe erfüllt hatten und die Menschen, mit ihrem dürren Alltag zufrieden, nichts mehr mit ihnen anzufangen wußten, holte das weiße Einhorn sie alle zu sich auf das Karussell.

In ihrem ersten Hörspiel reiht Ingrid Bachér lauter Bilder schmerzender Sehnsucht aneinander. Bald werden sie genau ausgemalt, bald nur in zwei, drei Sätzen kurz angedeutet. Aber der Kern jeder Episode ist das kurze Glück vollkommener Erfüllung, das die Kraft schenkt, der Realität jenseits der Träume’ zu widerstehen. Die Besonderheiten dieses Werkes sind der feine Klang und die seltsame, aber unaufdringliche Logik des Traumes Nur hat das Hörspiel keine hinreißende Rolle. Das dürfte einer der Gründe dafür sein, daß nicht allen Sprechern die überzeugende Darstellung gelang.

H. K.