Von Josef Müller-Marein

Paris, im Februar

Wer ist dieser Couve de Murville, der es fertig brachte, am "schwarzen Tag von Brüssel", an dem den Engländern die Tür zur europäischen Gemeinschaft zugeschlagen wurde, dem hartnäckigen Zureden Ludwig Erhards und Gerhard Schröders ein höfliches, beharrliches "Nein" entgegenzusetzen? Wess’ Geistes Kind ist der Außenminister de Gaulles, der einzige Mann, der im französischen Kabinett seit 1958 sejnen Posten nicht gewechselt hat?

Wenn man sagt, daß der preußische Offizier eine "Züchtung" war, dann kann man dies mit gleichem Recht von den hohen Beamten der französischen Verwaltung sagen, zumal von denen, die ihre Laufbahn als "Inspecteurs des Finances" begonnen haben. Maurice Couve de Murville ist einer von ihnen, und vielleicht sogar ihr "klassischer" Repräsentant.

Inspecteur des Finances – das ist nicht dasselbe wie ein deutscher Finanzinspektor. Man absolviert die höhere Schule: das tat Couve de Murville in Reims, wo er am 24. Januar 1907 geboren wurde. Es folgt das Universitätsstudium, das Couve de Murville in Paris mit dem juristischen Doktorexamen abschloß. Und wenn man Glück hat, wenn man der "Typ" ist, wenn man einige Concours mit Glanz bestanden hat (wobei der Glanz vornehmlich darin besteht, daß man mit untrüglich sicheren Zahlen und Daten aus Wirtschaft und Geschichte und einem kalt registrierenden Gedächtnis brilliert), dann wird man ausersehen für die "Schule der Verwaltung und der politischen Wissenschaften". Ein paar Jahre im Staatsdienst, und man hat als Inspecteur schon den Rang eines Obersten. Danach ist die Karriere quasi gesichert. Man ist geformt. Man enspricht in keiner Weise mehr dem Bilde, das sich die volkstümliche Meinung in aller Welt von einem französischen Bürger macht.

Couve de Murville gehört obendrein zu jenen drei Prozent des Volkes, die protestantisch sind, und unter seinen Vorfahren ist ein berühmter Pastor. Das ist Elite. Das ist Verpflichtung, nach dem Satz "noblesse oblige" zu leben. Keine Skandale, keine Affären, keine romantischen Geschichten. Man ist zwar Kenner eines guten Weines und einer guten Tafel. Aber man geht leisen und sicheren Schrittes als Puritaner durch die Welt.

Man hat unabänderliche Überzeugungen, aber man schreit sie nicht auf dem Markte aus. Zwar spricht man doppelt so schnell wie ein in Oxford geschulter Engländer, aber man flicht ein "Eh bien" (gleich "well") oder ein international verständliches "Äh" in die Unterhaltung ein. Manchmal blickt man ins Leere, als seien die Menschen rundum verschwunden, oder kratzt sich im dem Ausdruck äußersten Unbeteiligtseins, doch mit gewisser Grazie, hinter dem Ohr: das sind für Verhandlungspartner die gefährlichsten Augenblicke. Jetzt nämlich läuft das unfehlbare Gehirn sozusagen auf elektronischen Touren, aber niemand denke, daß sie gefühllos wären, diese "Preußen" Frankreichs! Sie sind oft sogar von feinster Empfindsamkeit. Bloß: Ihre Seelenuhren "gehen anders"! Nie ein Toben, Schimpfen, Klagen! Ein Zucken um den Mund, plötzlich Falten auf der hohen Stirn: das ist alles. Hingegen zeigen sie ihr Herz in der strengsachlichen Erziehung ihrer Kinder (Couve de Murville hat drei), oder im Umgang mit Tieren (Murville bei all seiner Länge liebt ganz kleine Hunde, die ein ungewöhnliches Temperament haben.) Man sieht, er ist nicht ohne Humor und verfügt über Unermeßlich viel Geduld.