Bonn, Anfang Februar

Nun haben wir’s also amtlich, schwarz auf weiß, im endlich veröffentlichten "Spiegel"-Bericht. Was wir seit Monaten vermutet und dann behauptet haben: daß nämlich der frühere Bundesverteidigungsminister in der "Spiegel"-Affäre eine ganz andere Rolle gespielt hat, als er es wahrhaben wollte, und daß er das Parlament, daß er Kabinettskollegen und die Öffentlichkeit bewußt getäuscht hat, ist nun amtlich erwiesen. Er hatte keinen Respekt vor den Kompetenzen anderer Ressorts. Übertreibungen, ja auch Lügen waren ihm recht, wenn er sich davon Erfolg versprach.

Im Bericht des Auswärtigen Amtes (denn in dem Bericht gibt es unterschiedliche Ressort-Darstellungen) lesen wir, was Strauß nach der Aussage des Geschäftsträgers Breuer in Madrid dem Militärattaché Oster gesagt hat: "Mehrere Redakteure und auch hohe Offiziere seien verhaftet worden. Die Angelegenheit stehe auch mit der Kubakrise in Verbindung, und Augstein habe sich bereits nach Kuba abgesetzt. Er (Strauß) komme soeben vom Bundeskanzler und gebe ihm (Oster) auch im Einverständnis des Herrn Bundeskanzlers und des Herrn Außenministers den dienstlichen Befehl, alles zu unternehmen, um den stellvertretenden Chefredakteur Ahlers, der in Spanien weile, verhaften zu lassen."

Das Auswärtige Amt stellte dazu fest, "daß weder der Herr Bundesminister des Auswärtigen, noch der Herr Staatssekretär Professor Dr. Carstens, noch irgendeine andere Stelle des Auswärtigen Amtes zu diesem Zeitpunkt Kenntnis von dem Vorgehen gegen Ahlers hatten und daher gar nicht in der Lage waren, sich mit diesem Vorgeher einverstanden zu erklären. Damals befand sich der Herr Bundesminister des Auswärtigen in Bonn und war zu erreichen." Aber von dieser Gelegenheit machte Franz-Josef Strauß keinen Gebrauch. Er mochte wohl seine Gründe haben.

Vor dem Bundestag aber erklärte Strauß am 9. November, also etwa zwei Wochen später, er habe jeden Anschein vermeiden wollen, durch ein "persönliches Eingreifen irgendwie den Gang der Dinge zu steuern". Immer wieder befragt, ob er mit Oster in jener Nacht telephoniert habe, und immer wieder der Antwort ausweichend, bis er es schließlich doch zugeben mußte, stellte Strauß dem Bundestag den Vorgang so dar: "Da der Militärattache bei Anruf den Sachverhalt nicht kennen wollte, sondern sagte: ‚Ich kenne nur die Stimme des Ministers‘, bin auch ich mit ihm verbunden worden"

Wie aber schildert das Auswärtige Amt den Vorgang? "In jener Nacht zum 27. Oktober um 0.45 Uhr rief der Bundesminister der Verteidigung den Kanzler der deutschen Botschaft in Madrid, Reif, an und ersuchte ihn, den Militärattache Oster zu veranlassen, sofort Herrn Minister Strauß anzurufen schließlich verpflichtete Herr Minister Strauß den Kanzler Reif, über dieses Telephongespräch mit niemandem zu sprechen, außer mit dem Oberst Oster und sagte ihm: Dies ist ein dienstlicher Befehl. Ich handle in diesem Augenblick auch im Namen des Bundeskanzlers und des Herrn Außenministers." (Die, wie wir nun wissen, beide zu jenem Zeitpunkt davon nichts wußten).

Unter dem Beifall der CDU-Abgeordneten (sie sollten ihre vielen Beifallskundgebungen in dieser blamablen Fragestunde einmal nachlesen) erklärte Strauß, er sei nur dem Amtshilfeersuchen der Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamtes gefolgt. Aber wie sah dieses Amtshilfeersuchen in Wirklichkeit aus? Jetzt lesen wir: In jener Nacht zum 27. Oktober "hielten sich in der Sicherungsgruppe zwei Angehörige des Bundesministeriums für Verteidigung auf", und zwischen einem von ihnen und Straußens Ministerium hätten Telephongespräche stattgefunden. Nicht also die Sicherungsgruppe, sondern die vom Bundesverteidigungministerium in die Sicherungsgruppe entsandten Beoabachter haben im Verteidigungsministerium angerufen. Und diesen Anruf seiner eigenen Untergebenen legte Strauß vor dem Parlament so aus, als wäre er von der Sicherungsgruppe um Amtshilfe angegangen worden. Bundesinnenminister Höcherl aber behauptete noch vor wenigen Tagen in seiner Antwort an die SPD, der Anrufer aus der Sicherungsgruppe "gehört der Sicherungsgruppe an".