Von Otto v. Loewenstern

München.

Spätestens am Sonnabend der vergangenen Woche wurde mit aller Deutlichkeit offenbar, was Mitglieder der Christlich Sozialen Union, die nicht bedingungslos vor ihrem Landesvorsitzenden kuschen, von der CSU-Hausjustiz erwarten müssen. Eindrucksvoll demonstrierte das Parteischiedsgericht am Freiherrn von und zu Guttenberg darüber hinaus, daß die im Grundgesetz vorgeschriebene Gewissensfreiheit des Abgeordneten für einen wahren CSU-Mann nicht verpflichtend ist.

Guttenberg stammt aus Oberfranken, beteiligte sich dort nach Kriegsende an der Gründung der CSU und klomm langsam, aber beharrlich die Sprossen der politischen Karriereleiter empor. 1957 kandidierte er für den Bundestag, und bald darauf registrierte die Bonner Landesgruppe der CSU den Novizen: ein Volksvertreter, den es weder nach Pfründen noch nach gesellschaftlichen Auszeichnungen gelüstete. Karl Theodor zu Guttenberg ist vermögend, mit einflußreichen Familien in ganz Mitteleuropa versippt und deshalb von einer inneren Unbefangenheit, wie sie kaum sonst ein CSU-Bundestagsabgeordneter aufweist.

Fraktionskollegen des Freiherrn erinnern sich noch genau daran, wie Guttenberg, kaum im Parlament, schon den Unwillen von Strauß auf sich zog. Die Landesgruppe war zu einer Sitzung zusammengetreten, Strauß hielt einen seiner üblichen Monologe, erregte sich jäh über Fritz Schäffer und kanzelte den einstigen Bundesfinanzminister auf rüde Art ab. Die Anwesenden duckten die Köpfe, um Strauß nicht noch mehr zu reizen. Da wurde Strauß unterbrochen; Guttenberg hatte sich erhoben, erklärte Lautstärke und Vokabular für unangebracht und wies daraufhin, daß man ja eben mit der Parole von Schäffers fester Währung den Wahlkampf gewonnen habe; mithin sei diesem Mann gegenüber ein durchaus ariderer Ton angemessen.

Hinterher drängten einige Fraktionsfreunde an den Neuling heran und klärten ihn darüber auf, daß er Strauß umgehend um Verzeihung zu bitten habe. Dem Baron leuchtete dies Ansinnen nicht ein; seiner Meinung nach war es an Strauß, sich bei Schäffer zu entschuldigen. So gestaltete sich das Verhältnis zwischen Strauß und Guttenberg von Anbeginn an kühl, denn der Freiherr sah auch fortab keinerlei Veranlassung, sich bei dem ehrgeizigen CSU-Chef anzubiedern. Er avancierte unter den wohlwollenden Blicken des Kanzlers schnell zum außenpolitischen Sprecher der Gesamtfraktion. Im November 1962 wurde er von Konrad Adenauer dazu ausersehen, vertraulich mit Herbert Wehner über eine eventuelle große Koalition zu sprechen.

Vorausgegangen war diesem Wunsch Adenauers ein Auftrag der CDU/CSU-Fraktion an den Kanzler, solche Verhandlungen mit der SPD aufzunehmen. Adenauer delegierte Guttenberg. Zur großen Koalition kam es zwar nicht, aber in Straußens Kopf nistete sich eine erstaunliche Konstruktion ein, die darauf hinauslief, daß Guttenbergs diskrete Unterhaltung mit Wehner ihn, den CSU-Chef, das Amt des Verteidigungsministers gekostet habe. Die Partei-Oligarchie, vorneweg Generalsekretär und Strauß-Intimus Zimmermann, griff den Gedankengang begierig auf: verschwommen zeichnete sich die Gelegenheit ab, den Edelmann einmal richtig zu demütigen.