Von Hermann Riedle

Nach dem brüsken, durch Frankreich erzwungenen Abbruch der Verhandlungen zwischen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und England ist der Seelenfrieden auf dem "alten Kontinent" dahin. Alle Schattierungen von Pessimismus beherrschen die Gespräche in Amtsstuben, Kontoren, Verbänden, Redaktionen – nur wenige haben bisheute zu einem nüchternen Realismus in der Betrachtungsweise zurückgefunden. Die einen verzehren sich in einer hektischen Suche nach der Schuld und opfern ihre letzten Kräfte in der Forderung nach Sühne – die anderen resignieren ganz einfach, wohl wissend, daß ohne ihre Mithilfe das Unheil noch größer wird.

Der Schlag, das sei gern zugegeben, war tatsächlich hart. Gerade weil er ohne begründende Argumente geführt wurde, mußte er die vernünftigen Europäer vollkommen aus dem Konzept bringen. Das steigende Mißtrauen in eine der Ratio nicht unterworfene europäische Politik – besonders von de Gaulle – nahm nun sprunghaft zu. Daß wir wieder einmal Spielball einer mit "nachtwandlerischer Sicherheit" in die Zukunft schreitenden Persönlichkeit geworden sind, hat die meisten von uns aufgeschreckt.

Nun sind alle auf einmal hellwach – die anständigen EWG-Europäer, die Engländer, die Amerikaner und viele andere, die sozusagen einem Automatismus im europäischen Aufbau vertrauten. Den gibt es offenbar doch nicht. Es gilt jetzt vielmehr schnellstens, die Gefahr einer Richtungslosigkeit in der europäischen Politik zu beseitigen. Was läge näher, als in einem solchen Fall die wirtschaftlichen Kräfte, die zur Einigung streben, zu stärken. Man muß heute deutlich darlegen, was getan werden muß, um die Krise zu überwinden, auch wenn die aufgezeichneten Wege von manchem Skeptiker vorläufig nur als Spekulation bewertet werden mögen.

Die kinetische Energie der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft wurde zwar durch Frankreichs Bremsung weitgehend vernichtet. Der Motor der Römer Verträge ist damit aber nicht zerstört –, er kann und er muß weiterlaufen. Also haben alle EWG-Länder dafür zu sorgen, daß die Vertragsziele, soweit sie nach Termin und in der Sache bestimmt sind, erreicht werden.

Wir tun gut daran, Frankreich zu einem Kurs zu zwingen, der die EWG stärkt und damit auch die Vorzüge der Kooperation mehrt. Ein derart bestimmtes Verhalten wird auch einen späteren Beitritt Englands nicht erschweren, sondern eher erleichtern. Gelingt es überdies den fünf anglophilen EWG-Partnern, den Brüsseler Rahmen weitoffen zu halten, so hat das Fiasko vom 29. Januar rückblickend unter -Umständen Vorteile gebracht. Gerade jene Kritiker der EWG werden dies zugeben müssen, die in der Brüsseler Dynamik eine latente Tendenz zur Abkapselung erkannten.

Für die Kommission der EWG bedeutet dies vorerst einmal, vermehrt international zu denken und den westlichen Aufgabenkreis als Ganzes und möglichst weitgespannt zu berücksichtigen. Zugegeben: die Arbeit in Brüssel wird dadurch nicht leichter – aber sie wird auch nicht weniger bedeutungsvoll für Europa.