Was mag ausgerechnet Dufhues zu seinen verletzenden und linkischen Ausfällen gebracht haban? Dufhues, der sich zum Beispiel in einem Interview über grundsätzliche Fragen der Öffentlichkeitarbeit der CDU (in der Süddeutschen Zeitung vom 8./9. Dezember 1962) mehrfach und entschieden für eine kritische und parteiunabhängige Presse aussprach, der noch vor wenigen Tagen (in der Nr, 2/1963 des Deutschen Monatsblattes) eine Angehörige der CDU, die auf einer Adventsfeier auch ein Weihnachtsgedicht, ein höchst unschuldiges, von Brecht hatte vorlesen lassen, gegen offenbar höchst massive Angriffe aus den Reihen der Partei in Schutz nahm? Gewiß, auch in diesem Brecht-Artikel finden sich ein paar Stellen, die man ihm ankreiden wird, etwa die Bemerkung, der "bei bestimmten Vertretern der Literatur, Theater und Rundfunkanstalten" geübte "blind-fanatische Brecht-Kult" mache eine "Auseinandersetzung" dringend erforderlich; aber billigerweise sollte man über solchen vagen, wenn auch düsteren Andeutungen nicht übersehen, daß hier der Vorsitzende der Regierungspartei gegen die geistige "Engstirnigkeit" im eigenen Parteivolk plädierte.

Sollten seine denkwürdigen Hannoveraner Bemerkungen – was sie noch lange nicht entschuldigte – etwa aus purer Unkenntnis gefallen sein? Weil er einfach nicht wußte, daß zwischen "Panorama" und Gruppe 47 nicht die Spur von einer Verbindung besteht? Weil er allen Ernstes tatsächlich glaubt, bei den angedrohten Nachforschungen in den Funkhäusern auf ein konspiratives Netz der 47er zu stoßen? Weil er nicht weiß, daß prominente "Mitglieder" der Gruppe – etwa Andersch, Walser und die Bachmann – sich seit langem immer mehr vom Funk zurückgezogen haben? Weil er überhaupt nur die verschwommensten Vorstellungen von dieser Gruppe und ihrem Zusammenhalt hat und auf vage Verdächtigungen hereingefallen ist? Auf jeden Fall haben seine Worte nun erst einmal genau das Gegenteil von einer Entgiftung der Atmosphäre bewirkt.

Der CDU sind manche Rundfunkprogramme ein Ärgernis, und sie gedenkt dem nachzugehen – soviel muß festgehalten werden. Nicht daß im gegenwärtigen Stadium die Gefahr drakonischer Eingriffe der CDU in die Organisation der Rundfunkanstalten besonders groß wäre; gefährlich sind solche drohenden Andeutungen hauptsächlich darum; weil sie insgeheim wirken; weil sie geeignet sind, den Zauderern und Bequemen die letzte Zivilcourage auszutreiben. Es ist leider nicht zu erwarten, daß alle Sender so prompt und selbstbewußt reagieren wie in letzter Zeit der NDR Als die CDU-Fraktionsvorsitzenden ihm und insbesondere der Reihe "Panorama" am 25. eine Rüge erteilt hatten, gelobte er "im Interesse seiner Hörer und Zuschauer", sich "entschieden gegen alle parteipolitischen Maßnahmen zu wenden", die die "Unabhängigkeit des Rundfunks beeinträchtigen könnten".

Der WDR hat zwar (in einem Beitrag von Harry Pross) Dufhues kritisieren lassen, aber er hat auch Schnurre an die Luft gesetzt, einstweilen wenigstens: "Sobald der Schriftsteller Wolfdietrich Schnurre seine politischen Beiträge nicht mehr nach der Art eines Feuilletons aufbaut, sondern sich an die harten Forderungen genauer politischer Information hält; wird er wieder wie früher ein will-, kommener Mitarbeiter unseres Hauses sein" (Brühl am 2./3. Februar im Kölner Stadt-Anzeiger). Die Begründung ist allerdings zu plausibel, als daß man. in der Maßnahme die erste Auswirkung der Dufhuesschen Sorgen sehen müßte. Der Intendant beteuert, es gebe keinen Zusammenhang, man sei schon lange entschlossen gewesen, sich von Schnurre zu trennen, falls ihm der Wahrheitsbeweis nicht gelänge. "Ich würde meinen Hut in die Hand nehmen, wenn Schnurre dem Druck einer Partei zum Opfer gefallen wäre."

Ein kleiner Scherbenhaufen also, eine unerquickliche Folge von Dummheiten, Ressentiments, kleinlicher Ranküne, Fahrlässigkeit, Unwissenheit und Ungeschicklichkeit. Kein brauchbares Paradigma für das alte, gloriose Ringen zwischen "Geist" und "Macht":. Weder hat sich der Vertreter des Geistes hier als besonders geistreich erwiesen, noch hat die "Macht" mehr getan als dunkel gegrollt, Es ist nur wieder einmal, und zwar in aller Länge und Breite, demonstriert worden, was der Vorspruch zur Sendung behauptet hatte: die Zerrissenheit der öffentlichen Meinung, eine Zerrissenheit, die über dem Todesstrafen von Lübeck bis Hof gern vergessen und die doch von Tag zu Tag offenkundiger wird.

Die einen fürchten die Autorität des Staates, die anderen fürchten um sie. Die einen halten die Unruhe, die anderen die Ruhe für die erste Bürgerpflicht. Die einen wollen die Freiheit retten, indem sie sie praktizieren, die anderen, indem sie sie einschränken.

Man sehe nur in die Zeitungen, in die Leserbriefspalten des Spiegels zum Beispiel, wo das deutsche Volk über sich herfällt. In der Deutschen Zeitung (vom 1. Februar) bezeichnet der Leitartikler Walter Geis die deutschen Schriftsteller als (natürlich gut verdienende!) Romantiker; im Rheinischen Merkur (vom gleichen Tag) nennt Ludwig Pesch sie – ironischerweise unter Berufung auf den Kronzeugen Schnurre – allesamt Anarchisten und ihre Kunst luziferisch.