An einem Kommentar von Wolfdietrich Schnurre entzündete sich ein schwelender Konflikt

Von Dieter E. Zimmer

Mittlerweile gibt es also eine "Affäre Schnurre". Ihren Anfängen war es nicht anzusehen, daß sie das Zeug dazu in sich hätten; sie nahmen sich aus wie eine Kette kleinstädtischer Anrempeleien. Aber wie das so ist mit den Affären unserer Tage: sie kommen nicht von ungefähr; sie sind nicht die Ursachen gesellschaftlicher Spannungen, sondern deren Ausdruck, auch wenn sie solche Spannungen am Ende weiter vergrößern; nicht plötzlich ausgebrochene Krankheiten sind sie, sondern Symptome eines längst vorhandenen Krankheitsbildes.

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Die Sache begann am 29. November vorigen Jahres, abends um 22 Uhr 20. Im Westdeutschen Rundfunk meldete sich der Berliner Schriftsteller Wolfdietrich Schnurre "auf ein Wort". Sein Beitrag, ursprünglich als eine seiner regelmäßigen Sendungen für die Zone geschrieben, vom WDR dann mit Rücksicht auf ihren eigentlichen Adressaten, die bundesdeutsche Öffentlichkeit, in die Reihe der tagespolitischen Glossen "Auf ein Wert" gestellt, umschrieb den einen Grundgedanken: daß es Ursachen gebe, nicht nur an der DDR, sondern auch an der Bundesrepublik zu verzweifeln. "Es ist eine Verzweiflung aus verschiedenem Anlaß, das stimmt. Und doch führt die wachsende Ablehnung, die die Mehrzahl der Bürger beider Teile Deutschlands ihren Regierungen heute entgegenbringt, West- und Mitteldeutschland nun näher als jede überstürzte Wiedervereinigungsthese zusammen. Wenigstens die Verzweiflung hat somit Aussicht, sich einmal gesamtdeutsch nennen zu dürfen."

Eine Äußerung von unverhohlener Subjektivität, mehr Gefühlsaufwallung als politische Analyse, die auch mit ihrem Anlaß nicht hinter dem Berg hielt – der gerade einen Monat zurückliegenden. Aktion gegen den Spiegel. Extrem, doch gewiß nicht Ton "abgründigem Haß" diktiert, wie später behauptet wurde, sondern von Sorge. In ihrer abstrakten Form hätte sie viele geärgert, aber wahrscheinlich wäre sie hingenommen worden, denn sie sagte nur zugespitzt, was in jenen Tagen allenthalben gedacht und geschrieben wurde.

Nun aber hatte Schnurre, der beim WDR und anderswo seit einiger Zeit übrigens im gleichen hektischen Stil gegen den Osten polemisiert, ohne daß bisher jemand Anstoß genommen hätte, nicht nur abstrakt gesprochen. Er hatte seine Arbeit sinnfällig illustriert, mit der – ein bißchen rührseligen – Geschichte eines geflüchteten Volkspolizisten, eines zwanzigjährigen jungen Mannes, der sich nach drei Tagen Bundesrepublik erschießt – mit der Dienstpistole, auf der Toilette irgendeines Bahnhofs, wo man ihn vornübergesunken auf der Abortkante fand. So, sagte er, hätte es in den Zeitungen gestanden, und das Motiv sei vermutlich eben jene, seine eigene Verzweiflung an Deutschland.