R. B., Berlin

Wird Berlins Freie Universität, im Gegensatz zu ihrer Tradition, schlagende Verbindungen zulassen oder nicht? Das ist der eigentliche Sinn der von den Fakultätsältesten den 14 000 Studenten zur Urabstimmung gestellten Frage. Sie sollen sich entscheiden, ob sie die Wahl des ASTA-Vorsitzenden Eberhard Diepgen, eines Mitgliedes der "Berliner Burschenschaft Saravia", gutheißen oder ablehnen und ob der Konvent, der diese Wahl mit 32 Stimmen gegen 18 und vier Enthaltungen vollzog, aufgelöst werden muß.

Seit dieser umstrittenen Wahl wird an der Freien Universität weniger studiert als diskutiert. Ein Konflikt zwischen "Links" und "Rechts" wird ausgetragen, den man an der FU lange Jahre für unmöglich hielt, weil dort die Positionen der "Linken" für alle Zeiten gefestigt schienen. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht hatten sie 1959 den Anti-Atomkongreß abgehalten und sich dabei viele Feinde gemacht, sogar bei der SPD. Inzwischen sind auch zahlreiche Studenten aus der Bundesrepublik bei der FU immatrikuliert. Sie folgten einem Aufruf der schlagenden Verbindungen; und wenn heute 35 bis 40 Prozent der Studenten aus Bundesrepublikanern besteht, so darf man annehmen, daß die Korporierten den Löwenanteil stellen.

Der umstrittene ASTA-Vorsitzende Eberhard Diepgen gilt auch bei seinen Gegnern als ein energischer Mann. Er gehört nicht nur der "Saravia", sondern der CDU an und hat sich überdies an leitender Stelle beim Aufbau einer Westberliner Polizeireserve hervorgetan. Er erhielt bei seiner Wahl vom 14. Konvent eine Mehrheit von 14 Stimmen. Das geschah nach einer ausführlichen Personaldebatte, bei der Diepgens Zugehörigkeit zu einer schlagenden Verbindung im Mittelpunkt stand. Der Gegenkandidat Schmidt-Hackenberg ist der scheidende, aber noch bis zum 31. März amtierende Vorsitzende. Er trägt das Abzeichen der Anti-Atombewegung, beteiligt sich an den Ostermärschen gegen die Atombewaffnung und ist Inspirator des linksorientierten "Argument-Clubs". Schmidt-Hackenberg erhielt nur wenige Stimmen.

Heftig ist nun die Diskussion entbrannt, ob die Fakultätsältesten richtig handelten, als sie verlangten, der bereits gewählte ASTA-Vorsitzende müsse sich einer Urabstimmung stellen. Die Ältesten begründen ihren Entschluß mit der Feststellung, "daß bis heute keine schlagende Verbindung an der Freien Universität zugelassen worden ist". Es sei unvereinbar mit dem Geist der FU und den Vorstellungen einer modernen Universität, daß das Mitglied einer schlagenden Verbindung die Gesamtheit der Studentenschaft vertrete. Die Gegenpartei konterte: Der Konvent habe gewußt, daß Diepgen zur "Saravia" gehöre, ihn aber trotzdem aufs Schild gehoben. Die Antwort der Ältesten: darum muß auch der Konvent weg.