Kanadische Studenten verbrannten Strohpuppen, die Züge des amerikanischen Präsidenten trugen. Ein diplomatischer Mißgriff des State Department hat zu einer ernsten Vertrauenskrise zwischen den nordamerikanischen Staaten und in Kanada zu einer folgenreichen innenpolitischen Krise geführt.

Die Kennedy-Regierung hatte in massiver Form die Kanadier aufgefordert, ihre Luftabwehr mit amerikanischen Atomwaffen auszurüsten. Diese Forderung wurde in allen politischen Lagern Kanadas als unzulässige Einmischung aufgefaßt. Sie gilt als typisches Beispiel für Washingtons Verständnislosigkeit gegenüber den politischen Eigenheiten des nördlichen Nachbarstaates. Je mehr der kanadische "way of life" dem amerikanischen gleicht, je größer die wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA wird, desto hartnäckiger beharren die Kanadier auf ihrer politischen Selbständigkeit. Die Kanadier glauben an ihre weltpolitische Aufgabe als Vermittler im Ost-West-Konflikt. Hauptziel der kanadischen Außenpolitik ist seit Jahren die Begrenzung des "atomaren Clubs". Kanada gründete den "nichtnuklearen Club" und wurde sein vorläufig einziges Mitglied.

Innerhalb der konservativen Regierung ist jedoch die Kritik an dieser Politik zunehmend schärfer geworden. Während Außenminister Howard Green für den "nichtnuklearen Club" warb, forderte der Verteidigungsminister Harkness Atomwaffen für seine Streitkräfte. Premier Diefenbaker schwankte zwischen den verschiedenen Konzeptionen, bis er sich jetzt eindeutig für seinen Außenminister Green entschied; Harkness ging. Diefenbaker rettete der Rücktritt seines Widersachers jedoch nicht. Die Parlamentsmehrheit machte das konservative Minderheitskabinett für die Demütigung durch die Amerikaner verantwortlich und stürzte es in der Nacht zum Mittwoch. Neuwahlen stehen bevor und mit ihnen voraussichtlich eine liberale Regierung unter Pearson, die Washingtons Wünschen gegenüber kaum gefügiger sein wird als die Konservativen. Unangenehm dürfte den Amerikanern auch eine andere Folge der durch sie ausgelösten Krise sein.

Mit der Skrupellosigkeit einer semi-faschistischen Partei nutzt die rechtsextreme "Social Credit Party" das innenpolitische Chaos und die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Kanadas für sich aus. Diese radikale Mittelstandspartei, deren Repräsentanten eine Wirtschaftspolitik nach dem Vorbild Hitlers und Mussolinis propagieren, hat im vergangenen Jahr 30 direkt gewählte Abgeordnete in das Parlament gebracht, in dem sie vorher nicht vertreten war. Konservative und Liberale fürchten nun, daß den "Socreds" bei den Neuwahlen noch tiefere Einbrüche in die Kreise unzufriedener französischsprachiger Kanadier und in den Mittelstand der Westprovinzen gelingen könnten. K. H.