Daß unsere Kenntnis vom Theater-Theoretiker Brecht bruchstückhaft und gar zu eng gewesen ist, zeigt die jetzt vom Suhrkamp Verlag vorbereitete, auf sechs Bände berechnete Ausgabe der "Schriften zum Theater", deren erste beiden Bände im Frühjahr erscheinen sollen. Sie enthalten mancherlei bekanntes, aber weit mehr vergessenes und bisher unveröffentlichtes Material aus den Jahren 1918–1932, das Brecht als scharfsinnigen und launigen Kritiker wie als aufmerksamen und parteiergreifenden Beobachter des deutschen Theaters nach dem Ersten Weltkrieg erweist. Es ist ein so gut wie unbekannter Brecht, amüsant, aggressiv, unterhaltend. Um Konventionen schert er sich so wenig wie um Staub und Gips, aber auch das Alte, das Klassische, beginnt zu leben, wenn er es vor die Schranken seiner Gegenwart zitiert. – Brecht war 1924 nach Berlin gegangen und hatte dort 1925 sein Lustspiel "Mann ist Mann" geschrieben, das 1926 in Darmstadt, aufgeführt wurde und die Verwandlung des Packers Galy Gay in eine menschliche Kampfmaschine zeigte. Sein Weg hatte vom expressionistischen Theater zum Parabelstück geführt, vom Sozialanarchismus zum bald schon marxistisch unterbauten Sozialismus. "Als ich ‚Das Kapital‘ von Marx las", heißt es in einem der Texte, "verstand ich meine Stücke... Ich entdeckte natürlich nicht, daß ich einen ganzen Haufen marxistischer Stücke geschrieben hatte, ohne eine Ahnung zu haben, aber dieser Marx war der einzige Zuschauer für meine Stücke, den ich je gesehen hatte; denn, einen Mann mit solchen Interessen mußten gerade diese Stücke interessieren, nicht wegen ihrer Intelligenz, sondern wegen der seinigen; es war Anschauungsmaterial für ihn. Das kam, weil ich so wenig Ansichten besaß wie Geld und weil ich über Ansichten dieselbe Ansicht hatte wie über Geld: Man muß sie haben zum Ausgeben, nicht zum Behalten." In diesem Rahmen sind die folgenden Bruchstücke einer Vorrede zu "Mann ist Mann" sehen.

1. Sorgen der Bourgeoisie

Man gab mir z. B., ohne es selber so ganz genau zu wissen, zu verstehen, daß man mir gern erlauben würde, etwa einmal im Jahr das eine oder andere meiner Stücke durchfallen zu lassen. Ich brauchte mich um nichts zu kümmern, als um die Herstellung der Stücke. Das kam nicht, weil man die Studie fürchtete, dazu verstand man sie. zu wenig, sondern weil man diese Sorte von Theater nicht preisgeben wollte. Man hätte sie tatsächlich schließen müssen, um mein Stück aufführen zu können; die Situation, die geschützt werden mußte, war sehr eigenartig: Es sollte einem Haufen Leute im Parkett nicht die Gelegenheit genommen werden, Maulaffen feilzuhalten (oder ebenso wie Ohraffen), und einem andern Haufen – auf der Bühne – sollte die Gelegenheit erhalten bleiben, nicht durch seinen Mangel an Kunst brotlos zu werden. Es war schwer, etwas dagegen zu sagen; es war naheliegend, ihre Sorgen haben zu wollen.

2. Wo blieben die Leute von links?

Die Leute von links hatten wirkliche Sorgen, sie kannten dieselben und machten keinerlei Theater. Was bis auf einige Nutzrevuen von links gemacht wurde, war, künstlerisch betrachtet, ziemlich alter Plempel von auffällig sklavischer Mentalität. Ein paar nach links oder rechts furchtsame Literaten stellten Texte her, die auf der Berechnung basierten, daß für Stücke ein einfacher Mangel an Intelligenz genüge, um sie verständlich zu machen. Der typische Literat stellte sich den Proleten als das Neue vor, als sich selber, oder glaubte, daß das "literarische Gefühl" jenes Gefühl sei, das die Revolutionen erzeuge. Ein natürlich harmloser Irrtum. Überhaupt ist das Kennzeichen dieser ganzen Bemühungen von rechts bis links eine jeden natürlichen Menschen verstimmende Harmlosigkeit. (Selbst die hier nicht hergehörenden Rüpeleien ältlicher Feuilletonisten tragen dieses Gepräge: Sie entsprangen einer harmlosen Furcht, in gewissen weitschweifenden, oft fünf bis zehn Bände füllenden Erörterungen über das eigene Wohlbefinden durch irgendwelche Produktion gestört zu werden. Was doch nicht die Absicht dieser Produktion sein konnte.) Die brüske Stellung des Proletariats und vor allem seiner intellektuellen Führer der Kunst gegenüber ist angesichts von dem, was links und rechts als Kunst etabliert wurde, mehr als verständlich. Das Proletariat steht auf dem schreckeneinflößenden Standpunkt, Kunst sei schädlich, da sie die Massen vom Kampf ablenke. Aber sie hat die Bourgeoisie von deren Kampf auch nicht abgelenkt, keine Minute. Das ist geradezu ein Vorwurf, den man ihr als Proletarier machen kann. Sie hat die Bourgeoisie mitunter hingelenkt zu diesem Kampf. Es ist verständlich aber nicht angenehm, daß das Proletariat jetzt der Kunst den Befehl zu erteilen wünscht, die Masse auf ihren Kampf hinzulenken. Der Vorwurf, den z. B. Barbusse den Künstlern aller Zeiten im Namen des Proletariats machte, stützt sich auf wahre Tatsachen, ist aber unberechtigt. Es ist kein Vorwurf gegen Gott, daß er in die stärkeren Bataillone versetzt wird. Er ist wirklich dort. Eine proletarische Kunst ist ebenso Kunst wie irgendeine andere: mehr Kunst als proletarisch. Sie mag unnützlich sein, und während eines Kampfes ist sie es sogar bestimmt, aber das ist ihr gleich. Man könnte, mit einer geringfügigen Übertreibung, sagen, daß der Kunst die Ansichten der Künstler gleichgültig sind. Sie ist keine Sache der Ansichten. Das Getreide ist übrigens auch keine Sache der Ansichten, insofern als es wächst. Wäre Kunst etwas, das mit Ansichten zu schaffen hätte, so wäre sie etwas durch und durch Individuelles, und dies haben ja auch viele Bourgeois und Proletarier zuweilen geäußert. Aber das ist nicht so. Kunst ist nichts Individuelles. Kunst ist, sowohl was ihre Entstehung als auch was ihre Wirkung betrifft, etwas Kollektivistisches. Das schlimmste, was durch eine solche Ansicht passieren könnte, wäre höchstens: daß ein ganzer Haufen bisher Kunst genannten Krempels von jetzt ab nicht mehr Kunst genannt würde. Ein einleuchtender Vorteil! Ich behaupte also, daß eine bei uns links geläufige Ansicht über Kunst falsch ist. Ich will bei dieser Gelegenheit noch erwähnen, daß links ungeheuer viele Ansichten falsch sind, es macht nur nicht so viel wie rechts. Die verzweifelten Bemühungen der Literaten, die Ansichten der Proletarier zu treffen, sind unsäglich komisch. Es sind in neun von zehn Fällen durchaus bourgeoise Ansichten. Man versteht deshalb überhaupt nicht, warum die Herren sich so bemühen: Es sind einfach ihre eigenen Ansichten.

3. Resümee

Nach meiner Ansicht ist es sicher, daß der Sozialismus, und zwar der revolutionäre, das Gesicht unseres Landes noch zu unseren Lebzeiten verändern wird. Unser Leben wird mit Kämpfen gerade dieser Art ausgefüllt sein. Was die Künstler betrifft, so halte ich es für sie am besten, wenn sie unbekümmert darum machen, was ihnen Spaß macht: Sie können sonst nicht gute Arbeit liefern. Für Leute freilich, in deren Kopf gerade diese Spannungen fehlen, wird es sehr schwer sein, Kunst zu machen. Zu erhoffen von unserer Zeit haben nur diejenigen etwas, denen besseres Publikum nützt und denen bessere Instinkte zustatten kommen: Das sind wenige.