Nachdem man einige Jahre lang nichts von den Rechtschreibereformern vernommen hatte und die ganze "Bewegung" bereits für eingeschlafen hielt, erfuhr man auf einer Pressekonferenz in der Wiener "Concordia", daß man inzwischen in ministeriellen Hinterzimmern sorgsam getagt hatte und dicht vor dem Endsieg stehe. Man hatte bloß die solcher Erörterungen ohnedies nicht recht würdige Öffentlichkeit ausgeschlossen, weil in Österreich sowohl wie in der Bundesrepublik Fachkommissionen emsig am Werk waren.

In Wien war es das Bundesministerium für Unterricht, das eine Kommission unter dem Präsidenten der Akademie der Wissenschaften, Professor Meister, einsetzte; in der Bundesrepublik haben die zuständigen Landesministerien ihre Vertreter entsandt. Kürzlich stimmte man ab.

In Wien stand es 10 : 10, da Österreich bekanntlich im Sternbild der Waage steht und Anhänger und Gegner der Reform gleicherweise herangezogen worden waren. In der Bundesrepublik stand es 10 : 3 für die Einführung der Kleinschreibung. Die DDR, demokratischer Finessen enthoben, ist einstimmig für die "ortografi". Die Schweizer allerdings müssen vorher nochmals die Kantone fragen. Kommenden November – so erfuhr man im Wiener Presseclub – werden die beamteten Herren in Wien zu einer zwischenstaatlichen Konferenz zusammentreten. Betrachtet man die Abstimmungsergebnisse, so besteht kein Zweifel: Dort soll der Rechtschreibung mit Großbuchstaben das Halali geblasen werden.

Professor Wallisch, der als Reformgegner die Wiener Pressekonferenz einberufen hatte, mußte sich dort von den Reformern sagen lassen, er habe damit ein Geheimnis gebrochen.

Man ist beunruhigt. So und so viele Schriftsteller und Germanisten, literarische Körperschaften, Zeitungen, akademische Vereinigungen haben bereits vor Jahren wissen lassen, daß die generelle Kleinschreibung zu einer Verarmung unseres Schriftbildes führen müsse. Soll das, was man im stillen Kämmerlein so einträchtig ausgehandelt hat, nun wieder dem rauhen Sturm der öffentlichen Meinung ausgesetzt werden?

Die wenigen Anhänger der "gemäßigten Kleinschreibung" kommen aus Lehrerkreisen. Gewiß läßt sich in einer Schrift ohne Großbuchstaben leichter unterrichten. Ob sich in diesen Zirkeln nicht vielleicht auch der Beschluß zur Abschaffung des Einmaleins durchdrücken ließe?

Von der Öffentlichkeit unbemerkt fand am 5. November in der Wiener Akademie der Wissenschaft eine Vorbesprechung statt, an der je zwei Vertreter der vier deutschsprachigen Staaten teilnahmen.